Gold in Mode

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Text: Norman Kietzmann

Am 9. Mai wurde der neue Hauptsitz der Fondazione Prada in Mailand eröffnet. Rem Koolhaas lässt auf dem Areal einer früheren Brauerei nicht nur vorhandene und neue Bausubstanz zusammentreffen, sondern vermischt ebenso innen und außen zu einem kontinuierlichen Fluss. Ein poppiger Höhepunkt wird dem Ensemble mit einem Café des Regisseurs Wes Anderson gesetzt.

In Mailand steht ein verwunschenes Haus. Stolz ragt es in die Höhe, ohne mit windschiefen Brettern und düsterer Farbe an seine filmischen Vorbilder aus Psycho oder der Adams Family zu erinnern. Das verwunschene Haus der neuen Fondazione Prada in Mailand trägt ein blattgoldenes Gewand – und tanzt damit deutlich aus der Reihe von Rem Koolhaas‘ aktuellem Werk. Anstelle der großen Geste sucht der Rotterdamer hier vor allem eines: einen bodenständigen Schulterschluss zum Ort.

Beständige Entwicklung
Bereits 15 Jahre währt die Zusammenarbeit zwischen OMA/AMO und dem Mailänder Modehaus, aus der nicht nur die Boutiquen in New York und Beverly Hills hervorgegangen sind. Sechs Mal im Jahr gestalten die Niederländer die Prada- und Miu-Miu-Modenschauen – von den wechselnden Kulissen bis hin zum Grafikdesign der Einladungen. Ebenso von Koolhaas werden die Aktivitäten der 1993 gegründeten Kunststiftung Fondazione Prada betreut, die nach dem Palazzo Ca‘ Corner della Regina in Venedig nun auch in Mailand einen dauerhaften Sitz gefunden hat.

Immer wieder sind die Pläne für das 19.000 Quadratmeter große Industrieareal im Süden der Stadt überarbeitet worden, während sich die geplante Fertigstellung von 2013 auf die Eröffnungstage der diesjährigen Mailänder Expo verschob. Noch immer ist das Projekt nicht vollständig abgeschlossen. Noch ein gutes Jahr wird vergehen, bis der 60 Meter hohe Ausstellungsturm und seine Panorama-Galerien mit Blick auf die Mailänder Innenstadt vollendet sein werden. 

Mixtur aus alt und neu. Foto: Attilio Maranzano, Courtesy Fondazione Prada
Bescheidener Auftritt 
Anstatt der 1916 erbauten Destillerie ein grundlegend neues Raumprogramm überzustülpen, wählte Koolhaas einen anderen Weg. „Wir haben versucht, das Vorhandene und Neue derart fließend zusammenzufügen, dass man nicht genau bestimmen kann, ob man sich in einer neuen oder alten Situation befindet“, erklärt der 70-Jährige. Es sind betont leise Töne, die während der Pressekonferenz von seiner Seite zu hören sind. Er spricht von der Ermüdung am Geniekult, die im Interesse an Bescheidenheit mündet. Was er an dem Gebäudeensemble schätzt, ist dessen industrielle Umgebung mit jener wild überwucherten Gleisanlage, die wie ein grüner Puffer in Richtung Innenstadt funktioniert. „Ein Tsunami an Gentrifizierung ist hier kaum zu befürchten“, sagt er. 

Innen und Außen
Gewiss, mit dem tosenden Auftritt von Frank O. Gehrys neuem Louis-Vuitton-Museum in Paris hat das Mailänder Projekt nur wenig gemeinsam. Selbst die neu hinzugefügten Bauten folgen der Kubatur der vorhandenen Substanz, die aus bautechnischen Gründen zuvor abgetragen werden musste. Eine Sammlung von Räumen hatte Koolhaas im Sinn, die nicht nur Galerien und Ausstellungsräume umfasst. „Man kann mehrere Straßen, Höfe und Plätze entdecken. Sie geben dem Projekt eine Qualität, die weit über den Kontext eines Museums hinausgeht und öffentliche Orte erzeugt“, sagt der Architekt.

Poröse Oberflächen
Doch ganz ohne Handschrift geht es auch bei diesem Projekt nicht. So können die verspiegelten Außenwände des Kinos nach oben geklappt werden und verwandeln den Ort in ein Open-Air-Theater. Direkt nebenan befindet sich die zentrale Galerie: ein rundum verglaster Raum von annähernd quadratischem Grundriss, der sich an drei Seiten zu seiner Umgebung öffnet. Die Decke wurde wie die einzige Innenwand mit geschäumten Aluminium-Paneelen verkleidet, deren poröse Oberflächen das Umgebungslicht aufsaugen und ihre Erscheinung permanent verändern. Schmale Lichtbänder verleihen dem Raum Dynamik, der im tektonischen Fluss erscheint.
Ausstellungsansicht Serial Classic. Foto: Attilio Maranzano, Courtesy Fondazione Prada
Serielle Antike
Wie auf einer Theaterbühne ragen erhöhte Plattformen aus dem Boden des Galerie heraus. Die Travertinplatten werden von gestapelten Plexiglasblöcken hochgehalten und bilden einen perfekten atmosphärischen Kontrapunkt zu den darüber ausgestellten Marmorskulpturen. „Serial Classic“ heißt die Eröffnungsausstellung, mit der die Fondazione Prada erstmals den Blick ausschließlich in die Vergangenheit richtet. Unter der kuratorischen Leitung von Salvatore Settis wird ein Mythos vom Sockel gestoßen: das  Bild des künstlerischen Originals. Schon in der Antike sind Skulpturen in unterschiedlich hohen Auflagen angefertigt wurden, denen weitere Nachahmungen aus der Renaissance und späteren Epochen gegenübertreten. Auch hier wird der Geniekult demontiert und die Kunst auf die Schiene der industriellen Produktion gesetzt.  

Goldenes Haus
Einen poppigen Einschlag verspricht das "verwunschene Haus", das diesen Titel nicht ganz freiwillig trägt. Weil Italiens Baubehörden in puncto Fluchtwegen keinen Spaß verstehen, darf der viergeschossige Bau mit seinem engen Treppenhaus nicht dauerhaft für öffentliche Ausstellungen genutzt werden. Kunst ist dennoch in diesen Räumen zu finden – wenngleich die strengen Bauvorschriften mit zeitlich festgelegten Zugangskarten umgangen werden kann. Dass der viergeschossige Bau nicht nur durch seine Höhe, sondern ebenso mit seiner Fassade auffällt, war zunächst nicht geplant. „Die goldene Farbe war eine Entscheidung in letzter Minute. Wir wollten damit den Respekt vor der Vergangenheit zeigen. Gleichzeitig haben wir herausgefunden, das Gold ein recht günstiges Fassadenmaterial ist im Vergleich zu Marmor oder anderen Farben“, erklärt Rem Koolhaas.

Faszinierend sind in seinen Augen vor allem die Reflexionen, die sich von der goldenen Fassade in die gesamte räumliche Umgebung übertragen. „Wenn sich das Sonnenlicht nur minimal verändert, hat dies eine spürbare Auswirkung auf den gesamten Komplex“, erklärt der Niederländer. An der Schnittstelle von Realität und Fiktion bewegt sich die Bar, die auf Wunsch Miuccia Pradas vom Filmregisseur Wes Anderson entworfen wurde. In der nachgebauten Kulisse einer Mailänder Bar der fünfziger Jahre kann so der Ausstellungsrundgang ausklingen, während der goldene Schimmer eines verwunschenen Hauses durch die Fenster dringt.

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