Grand Tour zum Wohnen

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Text: Katharina Horstmann
Foto: Carola Ripamonti

Wenn es um das Verbinden von Alt und Neu geht, sind Andrea Marcante und Adelaide Testa in ihrem Element. Seit zehn Jahren sind sie Partner im Turiner Architekturbüro UdA – Ufficio d’Architettura und renovieren gemeinsam bevorzugt Apartments. Dabei greifen sie auf unterschiedliche narrative Gestaltungsformen zurück, um die Geschichte des jeweiligen Ortes aufzugreifen und architektonisch einzubinden.

Der Entwurfsprozesses für den Umbau des Apartments eines jungen Paares in Bari ging von der romantischen Idee der Grand Tour aus, die obligatorische Bildungsreise des mitteleuropäischen Adels vergangener Jahrhunderte. Sie führte Marcante und Testa auf eine Entdeckungsreise zu den Eigenheiten des italienischen Südens. In Auseinandersetzung mit dem Genius Loci, dem „Geist des Ortes“, sollte der Wohnraum nicht nur zweckmäßig sein, sondern vielmehr die Atmosphäre und Aura seines Standortes wiedergeben.

Raum in Raum

Ein für Marcante und Testa typisches Gestaltungselement ist das Spiel mit dem Raum im Raum, das sie auch bei dem Entwurf des 200 Quadratmeter großen Apartments konsequent auf den gesamten Grundriss übertrugen. In diesem Sinne schufen sie „Mikro-Architekturen“ innerhalb der vorhandenen Raumstruktur, in denen Funktionsräume wie Garderoben oder Badezimmer unterbracht sind. Dabei gewähren Spalten Einblicke in so entstandene Zwischenräume, die ihrerseits geheimnisvolle Details aus der Vergangenheit preisgeben, wie etwa originale Fresken an den Gewölbedecken.

Dagegen hebt sich die konzeptuell scharfkantige Zeichnung des eigentlichen Wohnbereiches ab, ein Zusammenschluss aus drei Räumen, der Wohn- und Esszimmer sowie Küche beherbergt. Der helle Raum wird mithilfe von Farbflächen fragmentiert und durch eine schwarze Linie, die sich vom Eingangsbereich ausgehend durch den Raum zieht, grafisch aufgelöst. Das Metallobjekt schafft Kontur und erinnert dabei an Mondrians schwarzes Balkengefüge. Doch bleibt es nicht beim ästhetischen Effekt: In den Korpus wurden Beleuchtung, Türschienen und Möbelgestelle integriert.

Optische Täuschungen
Ein weiteres dominantes Gestaltungsmotiv, das bereits in früheren Projekten von UdA zur Geltung kam, sind mit perspektivischen Mitteln erreichte optische Verschiebungen der Raumwahrnehmung. Linien im Vordergrund werden im Hintergrund wieder aufgegriffen und fortgesetzt, ob an Wandelementen, Türen oder gar einzelnen Möbelstücken. In ihrem Zusammenspiel bilden alle Einzelteile ein geometrisch durchdachtes Arrangement, bei dem nichts dem Zufall überlassen wird. Beispielsweise schaffen Grauabstufungen und schräge Kanten an den Küchenschränken die Illusion von Tiefe und werfen Schatten, wo keine sind.

Verspielter Manierismus
Diesem reduzierten grafischen Konzept steht ein geradezu verspielter Manierismus gegenüber. In Anspielung an den historischen Kontext der Grand Tour wählten die Architekten für Apulien charakteristische Formen und Materialien, um Flächen und Strukturen zu definieren. Holz, Terrakotta, Korb und Kork sowie Kreuzstich- und Häkelmuster schaffen eine stilistische Kontinuität im gesamten Wohnbereich, die nur mit sporadischen Akzenten gebrochen wird.

Die narrative Übertragung lokaler Motive kulminiert im Schlafzimmer in Form eines traditionellen apulischen Hauses, das schemenhaft und en miniature im Raum steht und ein Badezimmer verbirgt. Verziert ist es mit einer etwa ein Meter hohen Boiserie aus sandfarbenem Kunstharz, die mit einem lokalen Kreuzstichmuster bedruckt wurde – ein Element, das sich seinen Weg durch den gesamten Flur bahnt. Darin verdeutlicht sich, was dem Apartment seinen besonderen Charme verleiht: der mitunter eigenwillige Umgang mit Kulturgeschichte als Inszenierung traditioneller Elemente, ohne Nostalgie und doch mit einem gewissen Stolz – denn nicht umsonst war Italien das beliebteste Reiseziel der Grand Tour.

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