Häberlis Helvetia

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Text: Claudia Simone Hoff


Die Schweiz ist Weiß, Grau oder Schwarz. Vielleicht auch Rot wie auf der Schweizer Fahne. Doch auf keinen Fall Gelb, Lila oder Pink. Nicht verspielt, sondern streng und geradlinig. So jedenfalls das Klischee. Nur trifft das nicht auf Alfredo Häberli zu. Der Schweizer Designer mit argentinischen Wurzeln spielt mit helvetischen Gestaltungstraditionen, wie sein aktuelles Projekt – das 25Hours Hotel Zürich West – beweist. Ebenso wie die Zimmer mit charmanten Details aufwarten, sind auch die farbenfrohen Badezimmer und der Saunabereich gestaltet.


Und das Detail ist es ja bekanntlich, in dem der Teufel steckt. Deshalb hat Häberli alles selbst in die Hand genommen und das gesamte Interieur samt Mobiliar, Stoffen und Accessoires entworfen. Eigens für dieses Projekt entstanden sechzig neue Produkte: vom Türdrücker über Holzspielzeug bis hin zu Vorhängen, Leuchten und Möbeln. Kein Wunder, dass Häberli deshalb vom „komplexesten Innenarchitektur-Projekt in seinen 20 Jahren als Designer“ spricht.

Dreidimensionaler Stadtplan


Das Hotel liegt an der Pfingstweidstraße in Zürich-West – einem trendigen Bezirk, der durch Industriearchitektur aus der Jahrhundertwende und Neubauten gekennzeichnet ist. Hier tummelt sich die Kreativszene der Stadt in Galerien, Restaurants, Clubs und Cafés. Das Hotel selbst ist Teil des Hard Turm Park-Areals und in einem von ADP Architekten entworfenem Gebäude untergebracht, das sich durch eine hybride Nutzungsstruktur auszeichnet: Neben dem Hotel sind hier auch Wohnungen, Büros und Geschäfte zu finden. Die Gestaltung des Hotels, das 126 Zimmer unterschiedlicher Kategorien beherbergt, steht unter dem humorvollen Motto: the smile of my hometown. Das wird konsequent umgesetzt. Überall im Gebäude sind gestalterische Hinweise und Anspielungen auf die Stadt an der Limmat ablesbar. Seien es nun unter dekorativen Glasglocken präsentierte Schoko-Pralinen von Sprüngli, die Kategorisierungen der Zimmer in Silber, Gold oder Platin als Reminiszenz an die Bankenstadt oder Modelle von berühmten Zürcher Kirchen, die auf Sideboards stehen.

Leben im Hotel

Das Hotel empfängt seine Gäste mit einem großzügigen Entree, in dem Rezeption, Bar, Restaurant und Lounge zusammentreffen. Die verschiedenen Raumzonen können mit Vorhängen voneinander abgetrennt werden, so dass ein Gefühl von Intimität entsteht. Dahinter steht Häberlis Idee, dass das Hotel einem Zuhause fernab vom Zuhause gleichen soll. Deshalb ist die Lounge wie ein Wohnzimmer gestaltet. Hier lümmelt sich der Gast auf gemütlichen Sesseln und macht es sich mit einem Buch aus der Bibliothek bequem. Die Möbel sind in Orange- und Grüntönen gehalten und stehen auf einem kreisrunden Teppich. Dieser exponierte Farbklecks ist ebenfalls ein exklusiver Entwurf Häberlis für das 25Hours Hotel. Von der Lounge schweift der Blick zur imposanten Freitreppe – eine Reminiszenz an die Schweizer Grand Hotels. Sie führt in den ersten Stock, wo sich der Veranstaltungsbereich des Hotels befindet, so beispielsweise die Neuinterpretation einer Zürcher Zunftstube – mit stilisierten Wappen in Form von originalen Häberli-Handzeichnungen. Der Kochclub mit Bulthaup-Küchenblock bietet die Möglichkeit, in einem Kochkurs das Essen selbst zuzubereiten.

Unter der Dusche

Häberlis fantasievolle Farben- und Formen-Orgie macht auch vor den Zimmern nicht Halt. Die unterschiedlichen Kategorien sind in verschiedenen Gebäudeteilen untergebracht und unterscheiden sich durch Größe, Ausstattung und Farbwelten. Dadurch erzeugt Häberli ganz unterschiedliche Atmosphären – unterstützt durch seine Möbelentwürfe wie dem Stuhl Jill von Vitra und einem Bett von Alias. Im Badezimmer kommt ein kleiner, bunt gestreifter Alleskönner zum Einsatz: der Becher Origo von Iittala, umfunktioniert zum Zahnputzglas. Häberli hatte noch eine weitere charmante Idee bei der Gestaltung der Bäder: Je nach Kategorie ist das Knopfmosaik der Fliesen mit Einlegern in Silber, Gold oder Platin versehen. Während die bodengleiche Dusche mit einer Glastür verschlossen wird, komplettiert ein maßangefertigtes weißes Waschbecken mit einem darüber positionierten, organisch geformten Spiegel das Bild. In den Zimmern der Kategorie Silber kann der Gast vom Schlafraum direkt in das Bad sehen, was nicht jedem behagen mag. Die ausgeprägten Farbwelten und das teils gewagte Color Blocking in den Zimmern und Bädern mögen auch nicht jedermanns Sache sein – gute Laune machen sie allemal.

Im Adlerhorst: die Sauna

Häberlis Liebe zum Detail und seine Verspieltheit reichen bis hinauf unters Dach. Hier oben, wo der Blick über die Stadt bis hin zu den Alpen schweift, befindet sich der Saunabereich. Der frei im Raum platzierte Saunawürfel wirkt wie eine Insel, die umgeben ist von Ruhezonen, Holzhockern und einem durch helle Vorhänge verschließbaren runden Tauchbecken. Der Designer hat für diesen Raum eine zurückhaltendere Farbgebung als für den Rest des Hotels gewählt – schließlich sollen Körper und Geist zur Ruhe kommen. Und so schwelgen die Gäste in warmen Erdtönen, Naturmaterialien und schlicht gestaltetem Mobiliar. „Ich wollte dem Hotel eine Seele geben und nicht einfach ein paar schöne Sachen in ein Gebäude stellen“, sagt Häberli. Das ist ihm gelungen.
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