Halbe Sache

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Text: Nina C. Müller
Foto: Jaime Navarro, Moritz Bernoully

„Gestalten ohne zu Bauen“, so lautete das Credo der Architekten vom mexikanischen Büro R-Zero, als sie den Umbau eines alten, denkmalgeschützten Gebäudes zum Bürohaus am Rande von Mexiko-Stadt planten. Was einst als Wohnbau gedacht war und später als Bäckerei wie auch als Bordell diente, ist nun kaum mehr als ein schier nackter Raum.

Die Geschichte des alten Backsteinbaus aus dem frühen 20. Jahrhundert ist lang und wechselhaft. War seine Umgebung früher eine gehobene Wohngegend, so wurde sie über die Zeit zu einem eher unbeliebten Ort. Grund dafür war ein Erdbeben in den 80er Jahren, das zwar nur einen kleinen Teil der Gebäude zum Einsturz brachte, aber eine allgemeine Ablehnung und damit verbundene Vernachlässigung historischer Bezirke nach sich zog. Die Folge für viele Häuser: ein zum Teil Jahrzehnte währender Leerstand, der Spuren hinterließ – wie auch bei dem inzwischen von R-Zero revitalisierten Objekt.

In Würde altern

Die Architekten sehen es positiv und vergleichen das alte Gebäude liebevoll mit einer in die Jahre gekommenen Person: „Seine Narben und Male stehen für einen ganz eigenen Charakter und machen seine Persönlichkeit aus“, meint das Team um Alejandro Zárate und Edgar Velasco. Da es außerdem unter Denkmalschutz stand, waren sie ohnehin verpflichtet, die Bausubstanz des Komplexes zu erhalten – und dabei zugleich herausgefordert, den Wünschen dreier unterschiedlicher Bauherren gerecht zu werden.

Edle Einfalt

Ihre Ziele lauteten vor allem: weitläufige Flächen, flexibel nutzbare Räume und direktere Verbindungen zum Außenraum. Inspiriert von der Arbeit des US-amerikanischen Architekten, Künstlers und Hauptvertreters des Minimalismus, Donald Judd, gingen die Planer daher radikal vor: Mit dem Leitmotiv „Gestalten ohne zu Bauen“ verfolgten sie ein reduktionistisches Konzept, das ihrer Meinung nach gegen alle gängigen Ideale und Arbeitsweisen der meisten Architekten ginge und ebenso konträr zu dem laufe, was Universitäten und Studios normalerweise verträten.

Anti-Architekten

Konkret heißt das schmucklose Oberflächen, kaum Mobiliar, keine Farben. Stattdessen roher Beton, unverputzte Mauern und freiliegende Stahlträger. Kurz: leere Räume wie mitten im Rohbau. Ziel war, die Geschichte des Ortes wieder aufleben zu lassen: „Mit den bestehenden Elementen zu arbeiten, spielerisch damit umzugehen und sie nicht einfach zu kopieren, das ist die größte Herausforderung“, so die mexikanischen Architekten. Großen Wert legten sie daher auf die Materialien und Oberflächen: „Ob alte Farbreste, historische Backsteine oder urige Pflanzen, die über Wände und Balken wachsen – diese Texturen erscheinen inzwischen fast skulptural“, sagen sie.

Stille Größe

Sie integrierten noch weitere Fensteröffnungen nach draußen, doch auch dort bleiben sie eindeutig bei ihrer Haltung und lassen Eingangsbereich und vorgelagerten Garten fast karg erscheinen. Lediglich die alten Bäume wurden um einige weitere Eschen ergänzt. Im Kiesbeet liegen nun massive Felsbrocken, schlichte Holzblanken werden zu Bänken. „Die nüchternen Farben und Strukturen des Gartens kontrastieren mit dem Rot der Mauern, die ihn umgeben“, so die Architekten. So wird der Patio zu einem zentralen Treffpunkt wie einem erholsamen Ort der Kontemplation, der zu einer Reise durch die Zeit inspiriert.

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