Haus mit Hut: Geschäfts- und Wohnhaus aus Beton

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Text: Tim Berge

Wenn ein denkmalgeschützter Altbau einem Neubau weicht, ist der Aufschrei oft groß. Im Schweizer Aarau ist einem jungen Architekturbüro das Kunststück geglückt, unter eben jenen Umständen ein Haus zu errichten, das sich trotz Referenzen an die Vergangenheit ganz gegenwärtig gibt. 

Die Struktur des Vorgängerbaus war aus bautechnischer Sicht in einem so desolaten Zustand, dass die Stadtbildkommission und die Kantonale Denkmalpflege für einen Ersatzneubau plädierten. Für diesen wurde das junge Planerteam Gautschi Lenzin Schenker Architekten ausgewählt. Ihre zeitgemäße Interpretation bleibt Teil eines Ensembles aus drei Häusern. Dazu übernahmen sie die horizontale Gliederung des Ursprungsbaus, die aus einem Sockel-, Mittel- und Dachelement besteht, und übertrugen sie auf einen skulptural anmutenden Baukörper aus Beton.

Höhlenartige Durchstöße
Der Neubau steht im Zentrum von Aarau und fügt sich, trotz seiner auffallend andersartigen Materialität und kantigen Kubatur, in das historische Stadtbild ein. Die Fassade wurde aus Dämmbeton gefertigt, dessen Massivität dem Gebäude seinen monolithischen Charakter verleiht. Die Fensteröffnungen wirken wie höhlenartige Durchstöße und erzeugen innen wie außen ein wirkungsvolles Schattenspiel, das die Plastizität des Baukörpers unterstreicht. Ergänzt wird dieser Effekt durch feingliedrige Fallarmmarkisen, die durch ihren hellen Farbton zum Bestandteil der reduzierten Architektur werden.
 
Der eingeschossige Sockel ist leicht zum Mittelteil des Hauses verschoben, unter dem es auskragt. Die Fenster, die hier größer als im Rest des Gebäudes sind, sorgen für eine weitere Ausdifferenzierung des Baukörpers und betonen die Gewerbenutzung. Das dritte und letzte Geschoss, in dem sich zwei Wohnungen befinden, tritt an allen drei Seiten des Neubaus über die darunterliegenden Etagen hinaus und folgt damit der dreiteiligen Gliederung der Nachbarbauten.

Pläne
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Unsichtbare Materie
Die Stofflichkeit der Fassade setzt sich auch im Inneren fort: Naturbelassene Holzfenster und -türen sowie polierte Estrichböden ergänzen den rauen Dämmbeton. Das Licht, das durch die massiven Wände stark gefiltert und gerichtet wird, agiert als unsichtbare Materie und verleiht den Räumen der Gewerbe- und Wohneinheiten Ruhe und Klarheit. Ein Effekt, den das Gebäude auch im städtebaulichen Kontext ausstrahlt. Gautschi Lenzin Schenker Architekten haben mit dem Haus einen Bau mit starker, zeitloser Präsenz errichtet, der sich in seinem historischen Umfeld sichtlich wohlfühlt.

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