Haus ohne Regeln

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Text: Tim Berge

Wozu braucht man eine Treppe, wenn man auch in ein Netz springen oder eine Rampe herunterrutschen kann? Im thailändischen Urlaubsort Cha Am Beach beweist ein Gebäude, dass es auch ohne die gängigen Architekturstandards geht und bedient sich, als Inspirationsquelle, in der Zeichentrickwelt: Genau wie bei der Lieblingsserie der Architekten, Tom und Jerry, gibt es kaum Regeln, was die Erschließung eines Hauses angeht.

Zwei Erwachsene, vier Kinder und jede Menge Freunde: Das Urlaubsdomizil der Sahawats sollte vielen Besuchern Platz bieten und von den gängigen Architekturstandards abweichen. Das Gestalterteam Onion nahm sich des Auftrags an, obwohl das Haus schon im Bau war, und schuf eine dreidimensionale Spielwelt, die Spaß für die ganze Familie verspricht.

Auf der Flucht
Der weite Strand von Cha Am gilt als einer der schönsten auf der Westseite des Golfs von Thailand und ist entsprechend beliebt: Ferienhäuser gibt es hier en masse, aber das Jerry House hebt sich doch von seinen Nachbarn ab. Und das liegt vor allem an seinem Inhalt. Wie bei einem Lochkäse lösten die Architekten das Innere zum Teil auf und ersetzten Ebenen, Treppen und Wände durch Netze, Rampen, Leitern und Öffnungen. Gerade Öffnungen gibt es in dem Neubau jede Menge, was am Namensgeber liegt: „Wenn es ein Haus für Jerry, die Maus, gäbe, wäre es wahrscheinlich eine Mischung aus einem Käse und dem Möbiusband, mit jeder Menge Wege, um Tom, der Katze, zu entkommen“, erklären die Gestalter. „Das Jerry House sollte ein Haus sein, von dem Kinder träumen.“

Fallen und fliegen
Rennen, klettern, verstecken, abhängen – und wer den Mut dazu hat, kann sich auch von Stockwerk zu Stockwerk fallen lassen: Die Nutzungen der Netzarchitektur sind zahlreich. In der weiß gehaltenen Main Living Hall bündeln sich die Verbindungsmöglichkeiten: Insgesamt schichten sich in dem dreigeschossigen Haus fünf Ebenen aus verschieden großen Netzen übereinander. Jedes der Geflechte besitzt ein Loch, um eine Etage tiefer zu gelangen. Nach oben geht es über verschiedene Leitern, die bis in die oben gelegenen Schlafzimmer der Kinder führen, die in kräftigen Farben gestrichen wurden. Liegt man auf einem der Netze und schaut an die Decke, könnte man glauben, man flöge, denn ein an der Decke angebrachter Spiegel zaubert das Gewebe über den Betrachter. Das Jerry House ist sicherlich nichts für Menschen mit Höhenangst. 

Grundrisse und Grafiken
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Viele Wege führen ins Bett
Die Schlafzimmer der Kinder in der obersten Etage können per Leiter erklommen werden. Das ist aber schon fast zu konventionell für die Bewohner des Jerry House: Viel spannender sind die Tunnel, die die Räume miteinander verbinden, oder die versteckte Schiebetür über dem höchstgelegenen Netz – die eine Abkürzung in den Wohnbereich der Kleinsten darstellt. Für untrainierte Erwachsene wird es da schon schwierig, in einige der Bereiche vorzudringen.

Der erste Aufenthalt der Familie im neuen Haus, zum Jahreswechsel 2014, zeigte nicht nur, dass der Hauptraum der Lebensmittelpunkt des Hauses ist, sondern, dass die Netze auch als Schlafplatz taugen: Alle Kinder wanderten abends mit ihren Kissen und Decken in das Maschenwerk und verteilten sich auf den oberen Ebenen. Das Missachten von Regeln fördert manchmal besonders interessante Ideen zutage.

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