Hercule: Ein besonderes Wohnhaus in Luxemburg

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Text: Jeanette Kunsmann, Foto: Maxime Delvaux

Er war einmal der stärkste Mann der Welt. 1912 ist der Kraftmensch Herkul Gruen verstorben. Jetzt hat das junge Architekturbüro 2001 sein neues Projekt für ein radikales Einfamilienhaus nach dem luxemburgischen Herkules benannt. In dessen Heimatdorf Bad Mondorf wurde der Solitär aus Sichtbeton gebaut.

Mitten in Bad Mondorf steht ein Monument, auf dem ein Mann zwei Pferde samt Reitern in die Luft hebt. Jean Hercule Gruen konnte Nägel mit bloßen Händen verbiegen, so stark war er. Der Luxemburger wurde Anfang des 20. Jahrhunderts zum Exportschlager, tourte zwischen Berlin, Paris und New York. Mit 44 Jahren erlitt er einen Schlaganfall und starb. Man schrieb das Jahr 1912.

Philippe Nathan und Sergio Carvalho von dem Luxemburger Architekturbüro 2001 erinnern an den einstigen Lokalmatador, indem sie zu seinen Ehren ihr monolithisches Einfamilienhaus aus Beton nach dem Kraftmenschen benennen – beide vereine ihre robuste Stärke, finden die Architekten.

Fassaden und Pläne
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Entwurfsbasis für Hercule bildet die extreme Topographie des Baugrunds – Nathan und Carvalho machen aus der Not eine Tugend. Denn das stark abfallende Restgrundstück zwischen einem alten Bauernhaus und einer Vorstadtvilla lässt Hercule wie einen aus dem Boden auftauchenden Eisberg erscheinen. Ein Großteil des Haues hat sich vergraben, die Anordnung der drei Geschosse folgt der Steigung des Grundstücks.

Während der Keller alle technischen Funktionen einschließlich Eingang und Garage fasst, befinden sich dahinter und von einem Patio getrennt weitere Nutzungen wie Waschküche, der Fitness- und Wellnessbereich, der Weinkeller und die Küche sowie Esszimmer und der Wohnbereich, der sich nach Südwesten über eine Beton-Terrasse zur Umgebung öffnet. Die darüberliegenden Etagen wiederholen den Kerngrundriss und beinhalten Schlaf- und Badezimmer.

Die Fassaden folgen unterschiedlichen Ansätzen. Im Süden schließt eine blinde Béton-Brut-Wand die oberen zwei Etagen, während die Nordfassade sich punktuell zum Garten öffnet. Die Ost- und Westfront zur Straße und zum Garten formuliert das Studio 2001 als Vorhangfassaden mit Sonnenschutzglas.

Innenräume
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Der eigentliche Radikalismus des Projekts drückt sich laut den Architekten auch in der fehlenden Veredelung aus – bei der Schalung wurde konzeptionell auf eine Nachbesserung verzichtet. „Das Projekt resultiert in einem vielschichtigen Artefakt, einem architektonischen Bastard, der sich mit der Komplexität des Kontextes auseinandersetzt und Lebensräume für eine junge Familie im 21. Jahrhundert definiert“, erklärt Philippe Nathan. Wobei sich diese rotzige Qualität der Ausführung auch wesentlich auf die Baukosten ausgewirkt haben müsste. Die Sparmaßnahme, die für zeitgenössische Standards im Wohnungsbaus ehe ungewöhnlich ist, unterstreicht das Wesentliche von Hercule.  

 

 

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