Hier fotografiert Juergen Teller

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Text: Jeanette Kunsmann, Foto: Johan Dehlin

Juergen Teller fotografiert gerne und meistens nackte Menschen, auch sich selbst. Wenn man den Neubau seines Londoner Studios bei Ladbroke Grove sieht, gibt es zwischen der tellerschen Bilderwelt und der radikalminimalen, fast nackten Architektur von 6a architects einen offensichtlichen Zusammenhang.

Vivienne Westwood und Kim Kardashian, Kate Moss und Courtney Love, Kanye West und Victoria Beckham: Wenn Juergen Teller hinter der Kamera steht, machen sie alle Dinge, die man nie erwarten würde, geschweige denn für möglich hielte. Seine Fotos sind kuriose Unikate, denkt man allein an Charlotte Rampling, wie sie mit einem Fuchs Milch aus einem Teller trinkt. Das Foto ist in dem neuen Studio-Ensemble in West London entstanden. Mit dem Neubau hatte der Porträt- und Modefotograf 2011 die Architekten Stephanie Macdonald und Tom Emerson von 6a architects beauftragt – es dauerte Jahre, bis die Baugenehmigung vorlag. Das Projekt entstand übrigens nicht ohne das Zutun seiner Frau, der Galeristin Sadie Coles. Für sie hatten 6a zuvor den Umbau ihrer Repräsentanz in der Londoner Davies Street in Mayfair übernommen.

Eine Bühne aus Sichtbeton, Mauerwerk, Gussestrich und viel Licht von oben.
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Das Teller-Studio denken die Architekten in Schichten und Sequenzen – was bleibt ihnen auch anderes übrig auf einem 60 Meter langen, aber nur sieben Meter breiten Grundstück? Die drei Hauseinheiten stehen eine hinter der anderen, wobei sich die Hinterhäuser etwas ducken und immer privater werden, die Sauna befindet sich am Ende der Kette. Die Architektur des Ensembles ist radikal und minimal, zur Straße gibt es nur ein Fenster, Tageslicht gelangt allein durch die nach Norden gerichteten Oberlichter der Sheddächer ins Innere. Und überall Beton: Fassade, Boden, Decken.

„Ich will halt etwas fotografieren, was mir nahe ist“, erzählte Teller einmal in einem Interview im Kunstmagazin art über seine Arbeit mit den Berühmten und Schönen dieser Welt, „alles Models, die mir nahe waren und immer noch sind.“ Nähe spielt auch in seinem Studioneubau eine große Rolle, aber keine Nähe funktioniert ohne Distanz. Und so steht der verwilderte Garten, der von Dan Pearson Studio gestaltet wurde, ebenso im Zentrum des 60 Meter langen Grundstücks wie die Architektur.

Durch unterschiedliche Raumhöhen erhalten die Studio-Sequenzen noch mehr Tiefe, und der Fotograf gewinnt mehr Lagerfläche. Teller, der seit 1986 in London lebt, hatte noch nie so viel Platz. 550 Quadratmeter Fläche zum Arbeiten und Wohnen. Und die frei stehenden Treppen in den Studioräumen sind einerseits Skulptur, andererseits werden sie zur Bühne.

6a architects denken das Studio auf dem 60 Meter langen, aber nur sieben Meter breiten Grundstück in Schichten und Sequenzen.
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Den RIBA London Award 2017, den RIBA London Building of the Year Award 2017 und den RIBA National Award 2017, der dem Stirling Prize vorausgeht, hat der Studio-Entwurf von 6a architects bereits bekommen. Am 31. Oktober 2017, dem Tag, an dem Zaha Hadid 67 Jahre alt geworden wäre, wird mit dem Stirling Prize der bedeutendste Architekturpreis im Vereinigten Königreich verliehen. Die Architekten stehen zum ersten Mal auf der Shortlist und hätten ihn mit diesem Projekt verdient. Nicht allein wegen der „exquisiten Details“ (Royal Institute of British Architects) wie den feinen Messing-Geländern oder der strukturierten Holzmaserung in der Betonfassade im Backsteinformat, sondern kurz gesagt auch wegen des rundum glücklichen Bauherren, der die Baustelle in sein Fotostudio verwandelt hat.

6a architects: Lesen Sie, was Stephanie Macdonald und Tom Emerson über den Neubau für Juergen Teller sagen…

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