Hüttendorf im Sky-Floor

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Text: Tanja Pabelick
Foto: Schnepp Renou

Das Berliner Architekturbüro Kinzo hat in Seouls Stadtzentrum eine maximal flexible Bürolandschaft entworfen. Das neue Headquarter eines koreanischen Kosmetikkonzerns sitzt nicht nur in einem der aufregendsten Neubauten der Stadt, sondern bringt die bunte Lebendigkeit der asiatischen Metropole in das oberste Stockwerk des weißen Chipperfield-Solitärs.

In lauschigen Seitengassen sitzen die Menschen unter nackten Glühbirnen in Garküchen, in den gläsernen Hochhäusern residieren internationale Konzerne. Seoul ist eine Metropole der Gegensätze. Sie steht für K-Pop und Konfuzius, ist der Hochtechnologie verschrieben und auf seine Traditionen bedacht, zeigt sich hier hektisch und dort gelassen. Wenn ein Architekturbüro die Lebendigkeit und Farbigkeit des urbanen Kontextes in eine Bürolandschaft übersetzen will, dann werden die Kontraste zu ihrem wichtigsten Charakter. Das Berliner Architekturbüro Kinzo, spezialisiert auf moderne Arbeitswelten, hat für Südkoreas größten Kosmetikkonzern ein Headquarter entworfen. F21 reflektiert die für Seoul typische Verschiedenartigkeit und macht sie zum wichtigsten Argument des ganzen Konzeptes.

Die Stadt zu Füßen
Koreanische Kosmetik ist ein Beauty-Hype, Amore Pacific mit seinen vielen Marken ihr größter Produzent. Das Büro wurde entsprechend des Unternehmensschwerpunktes als Labor gestaltet, in dem entwickelt, gedacht und geforscht wird. Das vielleicht spektakulärste Feature bietet die Aussicht, denn der innovative Co-Working-Space befindet sich im 21. Stockwerk eines 2017 fertig gestellten Gebäudes von David Chipperfield. Die Fenster ersetzen bodentief und raumhoch alle Außenwände, von außen sorgen unterschiedlich breite Aluminiumstäbe für Sonnenschutz und eine dekorative Fassade. Die lässt den von einem Lichthof und durch drei Terrassen durchbrochenen Gebäudekubus zwar kühl und minimalistisch wirken, grüne Pflanzeninseln und eine Wasserfläche bringen natürliche Elemente ein.

Roher Luxus
Viele der unteren Etagen übertragen Chipperfields ätherische Architektursprache auf den Innenraum. Der Entwurf von Kinzo für die oberste Etage hingegen sah Farbe von Anfang an als wichtigen Protagonisten vor. Die hohen, offenen Flächen der 3.100 Quadratmeter Grundfläche werden von einer dunklen Rasterdecke abgeschlossen, zu der der helle Sperrholzboden einen farblichen Gegenpol bildet und die Idee eines rohen Materialeinsatzes fortführt. Die dazwischen liegenden Funktionskuben sind in Grau ausgeführt und dadurch sowohl der farblich logische Übergang, als auch zurückhaltend. Vor ihnen treten die Möbel in Orange und Türkis als farbliche Akzente hervor, während einzelne Pflanzeninseln und hängende Gärten einen tropischen Indoor-Dschungel entstehen lassen. Die Gestaltung der Flächen folgt der Idee eines Künstlerateliers, das ohne fest definierte Aktionsräume zur kreativen Spielwiese wird. Das Büro soll Austausch und Innovation fördern und gliedert sich in kollaborative Gemeinschaftsbereiche und Teamwork-Flächen.

Ein Arbeitsplatz im Dorf
Der Grundriss entspricht einem C, dessen Außenlinie zum Stadtraum weist und im Inneren den Blick auf den Hof freigibt. Geschlossene hellgraue Raumkuben, die unter anderem Wasch- oder Pausenräume beherbergen, trennen beide Bereiche. Zum Hof hin liegen die Gemeinschaftsflächen, die sich in einen sogenannten Marktplatz mit Café und Lounge gliedern. In diesen Zonen können die Mitarbeiter informell zusammenkommen oder sich kontemplativ zurückziehen, Präsentationen abhalten und gemeinsam strategisch arbeiten. Den größten Gemeinschaftsbereich bildet die Bibliothek, die als Podium im Stil eines Amphitheaters gestaltet ist. Die abgetreppte, runde Struktur aus schwarz gebeizten Grobspanplatten ist gleichzeitig Regal und Sitzlandschaft und kann bis zu 8.000 Bücher aufnehmen. Bei Meetings wird der Innenraum zur Bühne und die äußere Struktur zu Sitzstufen für das Publikum.

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Hüttchen mit Panorama
Zum Headquarter von Amore Pacific gehört auch ein Innovations-Inkubator mit Inhouse-Start-Ups, der in der zur Stadt weisenden Seite liegt. Jede Idee und jedes Team bekommt einen eigenen Bereich, der gleichzeitig eine Hommage an die traditionelle koreanische Architektur zeichnet. Auf 60 Quadratmetern stehen jeweils eine helle Sperrholzhütte, variable Arbeitsplätze und ein Trennwandsystem zur Verfügung und erinnern durch Gestaltung und räumliche Organisation an typische Seouler Häuser mit Vorgärten. Je nach Anforderung gestalten die Mitarbeiter ihre zugeteilte Fläche um, vom Brainstormen bis zum Coworken. Die Arbeitsplätze können entsprechend vereinzelt, in Reihe oder als runder Tisch aufgestellt werden, das flexible Gerüst dient als Präsentations- und Trennwand und kann mit zusätzlichen Modulen sogar zur Entspannungs- oder Workout-Landschaft werden. Am Ende kommen hoch über der Stadt ihre interessantesten Merkmale gebündelt zusammen: boomende Industrie, traditionelle Wohnhäuser – und eine Idee von Luxus.

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