Ich schaue in die Landschaft und träume

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Text: Claudia Simone Hoff

Ein kleiner weißer Bus chauffiert die Besucher durch eine hügelige, waldige Landschaft mit bunten amerikanischen Schindelholzhäusern, bis er vor einem extravaganten Eingangstor zum Halten kommt. Auf dem großen, abfallenden Grundstück vor ihnen steht eine Ikone der Architekturgeschichte: das Glass House des amerikanischen Architekten Philip Johnson aus dem Jahr 1949. Anlässlich des 70. Jubiläums des Gebäudes veröffentlichen wir diesen Artikel erneut, der ursprünglich im Oktober 2010 im DEAR Magazin erschienen ist.

Transparenz und Klarheit des fließenden Raumkontinuums mit Verzicht auf rein dekorative Elemente – das war Johnsons Leitidee beim Entwurf des Hauses, das er bis zu seinem Tod im Jahr 2005 selbst bewohnte. Wer ging dort nicht alles ein und aus: die Crème de la Crème der Intellektuellenszene, zahlreiche Architekten- und Künstlerfreunde wie Frank Lloyd Wright oder Frank Stella. Nach Johnsons Tod im Alter von 98 Jahren ging sein Erbe an den National Trust for Historic Preservation über, der nun für die kostspielige Instandhaltung und umfangreichen Sanierungsarbeiten zuständig ist. So kann heute jeder, der bereit ist, mindestens 30 Dollar (Anm.d.Red.: Preis 2019: 50 Dollar) Eintritt zu zahlen, das Gelände mit seinen zahlreichen Gebäuden besichtigen. Und es lohnt sich allemal: Nur etwas über eine Stunde Zugfahrt von der New Yorker Grand Central Station entfernt, wähnt man sich hier in New Canaan im Bundesstaat Connecticut in einer anderen Welt. Es ist eine Sommerfrische par excellence, selbst wenn der Tag mal trübe ist.

Eine Landschaft wie im Märchen
Das Grundstück, dessen Ausmaße mit bloßem Auge nicht zu erkennen sind, ist gekennzeichnet durch einen alten Baumbestand und eine hügelige Topografie, die wunderbare Ausblicke ermöglicht. In diese Landschaft hineingestreut sind verschiedene Gebäude – man ist geneigt, sie follies zu nennen, erinnern sie doch an die extravaganten Bauwerke der historischen Gartenkunst: ein von Frank Stella inspirierter Eingangsbau, ein Studio von Frank Gehry, eine altes Schindelholzhaus, das Glass House und sein Pendant aus rotem Klinkerstein, das hermetisch abgeschirmt wirkende Gästehaus. Auch einen Pool gibt es und weiter unten im Gelände einen märchenhaft anmutenden Pavillon – bezeichnenderweise Moon Viewing Pavilion genannt –, der von einem See umrahmt und von einer über 30 Meter hohen Skulptur überfangen wird.

Ein Leben mit der Kunst
Das Herz eines jeden Kunstliebhabers klopft höher, wenn er die zahlreichen hochkarätigen Kunstwerke betrachtet, die ihm verteilt über das Grundstück begegnen, seien es nun die Skulpturen im Außenraum oder die Gemälde im Innenraum. Das kommt nicht von ungefähr: Johnson, Sprössling einer wohlhabenden Familie, war in den Dreißigerjahren Leiter des Department of Architecture am New Yorker Museum of Modern Art, kuratierte dort die bahnbrechende Ausstellung „Modern Architecture“ und gab zusammen mit Henry-Russel Hitchcock das Buch The International Style. Architecture since 1922 heraus. Mit beraterischer Unterstützung des MoMA-Gründungsdirektors Alfred Barr Jr. legte sich Johnson eine beeindruckende Kunstsammlung zu, aus der er rund 2.000 Werke dem Museum stiftete. Und so sind auch in der unterirdisch angelegten Gemäldegalerie auf dem Grundstück in New Canaan Werke von Frank Stella oder Robert Rauschenberg auf drehbaren, mit Teppich verkleideten Wänden zu bestaunen. Die Skulpturen hingegen sind versammelt in einem weißen Gebäude aus den Siebzigerjahren, das durch eine gläserne, abgeschrägte Dachkonstruktion besticht, die schöne Muster aus Licht und Schatten ins offene, mehrstufige Innere wirft.
 
Wenn man im Glashaus sitzt
Aber das Highlight eines Besuchs bei Philip Johnson in New Canaan ist immer noch das berühmte Glass House, das der Architekt Ende der Vierzigerjahre als Stahlkonstruktion konzipierte. Bereits mit dem Weg zum Gebäude hin ist Johnson ein inszenatorischer Kunstgriff gelungen: Gekurvt geht es bergab, vorbei an einem asymmetrischen Beton-Ring (Concrete Ring, 1971) von Donald Judd und vorbei an abgezirkelten Rasenrabatten direkt auf den rechteckigen Glaskubus zu. Johnson hat die topografischen Vorzüge des Geländes geschickt genutzt, denn hinter dem Gebäude fällt das Gelände steil ab und unten liegen der See, der Pavillon und die Wälder.
Jetzt versteht man, warum es selbst in einem Glashaus möglich ist ungestört sein kann, denn zu groß und geschützt ist das Grundstück vor den Blicken Außenstehender. Das flaschengrün mosaikgeflieste Bad immerhin befindet sich in einem kreisrunden, von außen nicht einsehbaren Klinkerblock, der als gemauerter Kern aus dem Flachdach herausragt. Für die Rückseite dieses Kerns hat Johnson einen Kamin entworfen, der Wärme in das ansonsten recht kühle Interieur bringt. Ganz wunderbar muss es sein, hier ins Feuer zu schauen. Und wenn man sich dann noch auf dem Barcelona Day Bed ausstrecken oder lesend in den Barcelona Chair von Ludwig Mies van der Rohe sinken kann, dann ist die Welt auf der anderen Seite des Ozeans in Ordnung.

Und weniger ist doch mehr
Eines wird an dieser Raumdisposition ganz besonders deutlich: Das Glass House ist kein konventionelles oder gar bürgerliches Einfamilienhaus, wie es üblicherweise im Amerika der Vierziger- und Fünfzigerjahre gebaut wurde. Es ist ein Ein-Raum-Haus mit etwa 160 Quadratmetern Grundfläche und dabei mit allen notwendigen Funktionen versehen: Wohnen, Schlafen, Essen. Die einzelnen Raumeinheiten werden geschickt getrennt durch verschiedene Einbauten: ein längliches Schrankelement aus Walnuss, hinter dem sich ein Doppelbett nebst Wilhelm Wagenfelds Bauhaus-Leuchte befindet, den runden, raumhohen Kern aus Backstein mit der Nasszelle und den sich dahinter befindenden Arbeitsbereich und ein echtes, aufgeständertes Poussin-Gemälde mit dem Titel Burial of Phocion. Johnson, der bei Walter Gropius und Marcel Breuer in Harvard studiert hatte und 1979 als erster Architekt mit dem Pritzker Prize ausgezeichnet wurde, hatte das Meisterwerk auf Empfehlung von Alfred Barr Jr. für 4.500 Dollar 1949 in einer New Yorker Galerie gekauft. Es steht gleich hinter dem Daybed und hat beleibe keine rein dekorative Funktion, sondern ist ein von Johnson bewusst gewähltes Element des Interiordesigns. Im Glass House ist nirgendwo etwas zu viel und schon gar nichts dekorativ.
 
Philip Johnson, der bis ins hohe Alter als Architekt tätig war, ließ sich jede Woche drei Mal in sein New Yorker Büro im Seagram Building chauffieren. Jedes Mal kehrte er wieder zurück nach New Canaan. Auf die Frage, was er in seinem Glashaus mache, hatte er einmal eine einleuchtende Antwort parat: „Einfach gar nichts. Ich schaue in die Landschaft und träume. Das ist für mich die wichtigste Zeit.“
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