Im Bauch der Raben

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Text: Katharina Horstmann

 
Er prunkt weder mit schönem Gefieder, noch singt er: Er kräht. Auch im Flug fehlt es dem Raben an Eleganz – und dennoch dient er in der Kunst, Musik und Literatur immer wieder als Inspirationsquelle. Auch der italienische Architekt Duilio Forte wählte den schwarzen Vogel als Ausgangspunkt für den Entwurf einer Sauna. Genau genommen handelte es sich dabei um das findige Rabenpaar Hugin und Munin, das in der nordischen Mythologie als Ratgeber des Gottes Wotan fungiert und ihm die während ihrer Rundflüge aufgeschnappten Neuigkeiten überbringt.
 
 
Der Mailänder Architekt Duilio Forte folgt einer Gestaltungsphilosophie, in der Analogie, Symbolik und Metamorphose sowie die Nutzung natürlicher Materialien im Vordergrund stehen. Und so wählte er bei der Gestaltung einer Sauna in den Hügeln des norditalienischen Piacenza nicht die Form eines klassischen Blockhäuschens. Vielmehr gab er dem Ort eine eigene Stimmung und gestaltete einen Baukörper in Form eines Rabens, in dem der Saunierende wie der Vogel auf dem Baum von weit oben über die Natur blicken kann.
 
Das Projekt ist nicht die erste Sauna, die der Italiener mit schwedischen Wurzeln gestaltet hat. Schon 1994 wurde er für den Entwurf eines eher klassisch anmutenden Schwitzbades in Schweden mit dem Premio San Carlo Borromeo von dem Mailänder Museum Permanente ausgezeichnet.
 
Pferdeleiber
 
Das Interesse an Symbolik kam erst einige Jahre später. Forte hatte begonnen, mit Holzskulpturen zu experimentieren und fand Gefallen an der mystischen Figur Sleipnir, dem achtbeinigen Ross des germanischen Gottes Wotan. So wie die Sauna ein Objekt mit Tradition und kultureller Bedeutung ist und einst als heiliger Ort galt, in dem die angegriffene Gesundheit gestärkt und alles am Körper haften gebliebene Schlechte beseitigt wurde, wählte er für ein Schwitzkastenprojekt die Gestalt des wundersamen Pferdes, dessen Leib der Erholung und Geborgenheit dienen sollte und das er nach eben diesem benannte: Sleipnir Bastu (Bastu ist der schwedische Begriff für Sauna).
 
Der temporäre Entwurf, der während der Mailänder Möbelmesse 2008 vorgestellt wurde, bestand aus einem Standbild aus Fichtenholz, das auf einem fünf Meter hohen Gerüst stand und entweder über eine große Leiter oder einen vom Haus ausgehenden Steg zu erreichen war. Der etwa zehn Quadratmeter große Innenraum bestand ebenfalls aus Fichtenholz und wurde wie in der skandinavischen Tradition von einem kleinen Holzofen „beheizt“. Er bot Platz für vier bis sechs Personen, die es sich auf zwei Holzbänken gemütlich machen konnten. Elektrisches Licht gab es nicht, dafür aber große Fenster an den Flanken, die am Tage das Innere erhellen und am Abend die Dunkelheit der Nacht hereinlassen konnten.
 
Doppelvogel
 
Nach Sleipnir folgten nun die beiden Raben Wotans Hugin und Munin als Ausgangspunkt für eine weitere Sauna. Ihre Namen sind Abwandlungen aus der altnordischen Sprache und stehen für „Gedanke“ sowie „Erinnerung“. Duilio Forte wählte sie als Analogie, schließlich dient die Sauna nicht nur zur Erholung, sondern auch als Ort der Reflexion. Das Projekt in Form eines Doppelvogels mit Januskopf steht auf einem Gerüst von etwa drei Metern und ist nur über eine große Leiter zu erreichen. Es besteht wie schon Sleipnir Bastu aus Fichtenholz, wird ebenfalls von einem Holzofen betrieben, bietet allerdings nur Platz für zwei Personen. Auch hier gibt es kein elektrisches Licht, der Raum wird nur spärlich durch zwei Luken erhellt, die wie die Augen der beiden Raben über die hügelige Landschaft blicken, das jedoch weniger fliegend, sondern statisch wie auf einem Baume sitzend.
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