In der Fabrik der Welt

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Text: Nina C. Müller
Foto: Keishin Horikoshi/SS Tokyo

Als „Fabrik der Welt“ bezeichnet man die Provinz Guangdong im Süden von China. Im Zentrum ihrer Industrie- und Handelsmetropole Guangzhou realisierten die Planer von kooo architects ein Gästehaus, dessen urbane Nachbarschaft maßgebend für den Entwurf des Umbaus war. Sie bewahrten seinen industriellen, fast brutalistischen Charakter, dachten die Stockwerke des Gebäudes aber von Grund auf neu und umhüllten es mit einer Membran aus Licht. Kurz: eine sensible Komposition aus harten Kontrasten.

Mit 14 Millionen Einwohnern ist die südchinesische Stadt Guangzhou nicht nur eine der bevölkerungsstärksten ihres Landes. Als Metropole des Perlflussdeltas gehört sie auch zum größten städtischen Ballungsraum der Erde. Hier herrscht subtropisches Klima, mit langen Sommern und warmen Wintern, was die Stadt vielerorts in einen üppigen Garten verwandelt und die Menschen nach draußen treibt. „Die Stadtlandschaft von Guangzhou ist geprägt von der Vitalität und den vielfältigen Lebensstilen der Menschen“, erzählen die Planer von kooo architects.

Nah und fern
Inmitten einer zentral gelegenen, dynamischen Wohngegend sollten sie ein siebenstöckiges Gebäude in ein zeitgemäßes Hotel, das Far & Near, verwandeln. Während die Höhe des Baus zwar viel Gestaltungsspielraum bot, stellten die lokalen Eigenheiten des Viertels jedoch eine besondere Herausforderung dar. „Aufgrund der hohen Dichte der Gebäude und ihrer geringen Abstände untereinander, kann man hier buchstäblich beobachten, wie die Nachbarn ihre Wäsche auf dem Balkon trocknen“, sagen die Planer. Sie strebten daher eine Architektur an, die die Gäste von optischen Ablenkungen abschottet und dem Bedürfnis nach Privat- und Zurückgezogenheit gerecht wird.

Dennoch sollte dieses Ziel einer natürlichen Beleuchtung nicht im Wege stehen. So verfolgten sie ein durchgehend offenes und transparentes Konzept, bei dem das massive Betonkonstrukt des alten Baus stil- aber nicht formgebend war. Fast brachial ziehen sich seine unverblendeten Säulen und Balken noch immer durch die gesamte Architektur und erinnern an die ursprüngliche Struktur, das Skelett des alten Gebäudes. Doch dabei bleibt es auch schon, denn statt der sieben Geschosse, wählten die Architekten eine Aufteilung, die jetzt buchstäblich frischen Wind durch die alten Gemäuer wehen lässt.

Der sechste Sinn
In fast allen Räumen entschieden sie sich für doppelte oder gar dreifache Raumhöhen und fanden Lösungen, die für Hotelarchitekturen eher ungewöhnlich sind. In einigen der Gästezimmer integrierten sie Zwischengeschosse, die den Raum senkrecht in Schlafzimmer, Nasszelle und Wohnbereich unterteilt. Durch diese doppelgeschossige Aufteilung vergrößerte sich nicht nur die Fläche, sondern auch die Fassadenfläche jedes Gästezimmers, die hier wie eine schützende Haut fungiert. „Die matten Fenster dienen der Isolation und lassen viel natürliches Licht ins Innere, während sie gleichzeitig direkte Sichtlinien zu den Nachbarbauten verhindern“, erklärt das Duo.

Nach ähnlichem Prinzip ersetzten sie auch in der Lobby eine ganze Wand durch ein Gitter aus verzinktem Stahlblech, das das natürliche Licht einfängt und streut. Zusätzliche Beleuchtung kommt von Neonröhren, die, meist senkrecht angebracht, die aufstrebende Logik des Umbaus und seine industrielle Ästhetik unterstreichen.  Konsequent wählten die Architekten und Designer ausschließlich Materialien wie Metall, Sichtbeton und Holz für alle Einbauten. Lediglich mit einigen wenigen traditionellen Möbeln aus natürlichen Materialien brechen sie die bewusste Strenge auf. So gelingt mit einer bedachten Farb-, Form- und Materialwahl ein modernes wie meditatives Refugium, in dem sich Gäste aus aller Welt zuhause fühlen werden – in der Fabrik der Welt.

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