In der Klemme

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Text: Jana Herrmann
Foto: Niney et Marca Architectes

Ein zusätzliches Kinderzimmer wird gebraucht? Das bedeutet meistens entweder Zusammenrücken oder Umzug. Eine Familie aus Gentilly vor den Toren der französischen Hauptstadt löste das Problem weitaus eleganter: Das junge Architektenbüro Nem erweiterte das Haus um einen schwebenden Wohnraum, der als Extra auch noch einen außergewöhnlichen Blick auf Paris bietet.

Obwohl Gentilly direkt an Paris angrenzt, gibt es in diesem Wohnbezirk keinen Großstadtglamour. Stattdessen reihen sich schlicht gebaute Einfamilienhäuser wie Perlen auf einer Kette zu unaufgeregten Wohnstraßen aneinander. Das Haus in der rue Raymond Lefebvre machte da keine Ausnahme. Seine einzig architektonische Besonderheit bestand darin, dass es lediglich auf der einen Seite mit dem Nachbarhaus verbunden war. Auf der anderen Seite dagegen lag eine drei Meter breite, unbebaute Passage, die von den Eigentümern als Parkplatz genutzt wurde.

Aus Not mach Tugend
Als die Familie nun zusätzlichen Wohnraum für ihren Sohn benötigte, wandte sie sich an das Architekturbüro Nem. Die größte Herausforderung für die jungen Architekten bestand darin, dass die Auftraggeber unter allen Umständen den Abstellplatz für ihr Auto behalten wollten, der sich nicht nur als Ort für eine Erweiterung anbot, sondern vor allem auch als Hauseingang und Gartenzugang diente. Aus dieser Auflage entstand die Idee, einen Baukörper im oberen Teil der Passage, also oberhalb des Abstellplatzes, einzufügen, ihn also zwischen der eigenen und der benachbarten Hausfassade aufzuhängen. Ein Seitenfenster auf der ersten Etage wurde als Eingang zum neuen Wohnraum umfunktioniert. Dadurch musste nicht in die Baustruktur des Mutterhauses eingegriffen werden.

40 Quadratmeter und drei Wohnzonen
Das finale Resultat umfasst 40 Quadratmeter Fläche, aufgeteilt in drei verschiedene Wohnzonen nach der Leitidee, sowohl allgemeinen als auch privat-intimen Wohnraum zu schaffen. Spiralförmig angeordnet, entstanden so ein offener Arbeitsraum und Spielboden sowie ein rechtwinklig dazu gelegener und damit fast isolierter Schlafbereich. Diese Wohnzonen befinden sich zudem auf mehreren Ebenen, die durch den Einbau von jeweils drei Treppenstufen geschaffen wurden.

Blickpunkt Paris
Richtung Straße planten die Architekten lediglich ein kleines Fenster ein, das von außen nur bei Dunkelheit und Licht im Zimmer als solches zu erkennen ist. Die gegenüberliegende Seite wurde dagegen fast vollständig verglast. Vom Arbeitsbereich aus bietet sich ein weitläufiger Panoramablick auf den hauseigenen Garten, die Kommune Gentilly mit einem Ausläufer der Seine sowie den südöstlichen Teil von Paris. Und auch Passanten bekommen durch die Lücke zwischen dem neuen Zimmer und dem Gartenzaun einen besonderen Ausblick auf die Skyline. Indem die Architekten sowohl das Zimmer als auch den Zaun mit den gleichen, in weiß gehaltenen und vertikal angeordneten Holzlamellen verkleideten, erscheint der Blick auf die französische Hauptstadt gerahmt wie eine Postkarte.

In den Hintergrund tritt dabei, dass sich Paris in seinem Vorort Gentilly nicht von seiner schönsten Seite zeigt. Interessant ist vielmehr der Blick von einem fast provinziell wirkenden Ort auf ein dichtes Stadtbild, das trotz seiner geografischen Nähe ganz weit weg erscheint.

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