In schwebenden Gärten

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Text: Norman Kietzmann


Mitten in Manhattan einen neuen Park zu schaffen, klingt zunächst wie eine reichlich unlösbare Aufgabe – erst recht, wenn sich dieser auch noch über ganze 22 Blocks erstrecken soll. Dass es aber dennoch funktioniert, haben nun die New Yorker Architekten Diller Scofidio + Renfro mit ihrem „High Line“ Park im Stadtteil Chelsea gezeigt und eine verlassene Hochbahnstrecke in eine urbane Oase verwandelt. Am 09. Juni 2009 wurde die grüne Ebene über den Straßen der Stadt eröffnet. Ein Beispiel, das weit über New York hinaus Schule machen könnte.


Diller Scofidio + Renfro haben ein Gespür für schwebende Zustände in der Architektur. Bereits bei ihrem „Blur Building“ zur Schweizerischen Landesausstellung 2002, dessen Fassade aus einer sich verflüchtigenden Wolke aus Wasserdampf bestand, spielte der Aspekt der Transformation eine entscheidende Rolle. Bei Ihrem New Yorker Projekt ist es diesmal allerdings weniger die Gestalt eines Gebäudes selbst, als vielmehr die Art und Weise, mit der sie einem historischen Baudenkmal eine überraschende Verwandlung verordnen.

Neugewinnung von Grünflächen

Bereits in den neunziger Jahren wurde die Neugewinnung von Grünflächen in den Innenstädten zu einer zentralen Aufgabe der Städteplanung. Die Planer erkannten vor allem in den Transportwegen auf der Schiene enormes Potential und schlugen sogar deren Verlegung unter die Erde vor. Mit Projekten wie „Stuttgart 21“ oder der Umgestaltung des Frankfurter Hauptbahnhofes sollen großzügige Flächen innerhalb des Zentrums gewonnen werden, die neben einer Nutzung als Grünanlagen über den Bau von Wohnungen und Bürogebäuden refinanziert werden sollen. Bis heute eine Gleichung, die nur unter enormen Zuschüssen seitens der öffentlichen Hand aufgeht, was nicht zuletzt auch in Stuttgart zu enormen Protesten seitens der Bevölkerung geführt hat. Ist bis heute die Ausführung jener Pläne, die sich in ihrem Finanzvolumen schon jetzt auf einen zweistelligen Milliardenbetrag zubewegen, noch immer ungewiss, hatten Diller Scofidio + Renfro in New York eine deutlich kostengünstigere und schneller umsetzbare Lösung vorgeschlagen.

Schlängelnder Großstadtpark

Ihr „High Line“-Projekt sieht eine Umnutzung einer 1980 stillgelegten Hochbahntrasse vor, die sich mitten durch den Meatpacking District im Westen Manhattans von der Gansvoort Street zur West 20th Street erstreckt und nach einer Kurve anschließend weiter in Chelsea zwischen der 10th und 11th Avenue fortsetzt. Die Gestaltung des Parks selbst wurde von dem Landschaftsplaner James Corner und dessen New Yorker Büro Field Operations durchgeführt, die 2004 zusammen mit Diller Scofidio + Renfro den internationalen Wettbewerb für das Projekt für sich entschieden haben. Ihr Konzept sieht eine subtile Intervention vor, die die vorherige Nutzung nicht übertüncht, sondern als ständige Referenz mit einbindet. Immer wieder tauchen die verrosteten, originalen Schienen zwischen den steinernen Wegen auf und finden ihre gestalterische Fortsetzung in parallel verlaufenden Spalten, zwischen denen verschiedene Arten von Vegetation herauswachsen.

Semispontane Vegetation

Field Operations kokettieren bei ihrer Gestaltung der 20 Meter breiten Trasse immer wieder mit dem Anschein jener verwilderten Natur, die die Hochbahn in den Jahren der Stilllegung zunehmend in Beschlag genommen hatte. An einigen Stellen, wo die originale Vegetation einen besonders artenreichen Bewuchs aus wilden Blumen, Büschen und kleinen Bäumen erreicht hatte, wurde diese in die neue Planung integriert. Aus Ipenholz gefertigte Bänke wachsen unterdessen aus dem Boden heraus und sorgen für die notwenige Infrastruktur für die Parkbesucher. Denn eines bietet dieser Park im Gegensatz zu seinen traditionellen Vorgängern nicht: große Rasenflächen, auf denen Picknicks oder Spiele veranstaltet werden können. Dafür gleichen an anderer Stelle Sonnenliegen diesen Manko auf überaus kultivierte wie großstädtische Weise wieder aus. Erschlossen wird der nun eröffnete, südliche Bauabschnitt über fünf Treppenaufgänge sowie einen zusätzlichen Aufzug an der 16th Street. Eine der wenigen Stellen, an denen die Transformation der Trasse auch auf Straßenniveau erfahrbar wird.

Hybride Gärten

Die Überbleibsel aus den Gründungstagen der Eisenbahn nicht zu zerstören, sondern auf intelligente Weise neu zu nutzen, markiert weit mehr mehr als nur ein Umdenken allein aus ökologischen Gründen. Es steht auch für einen bewussten wie respektvollen Umgang mit dem industriellen Erbe, das unter dem Gesichtspunkt der Landschaftsplanung eine vollkommen neue Bedeutung erfährt. Die Qualität des neuen Parks geht dabei über das bloße Hinzufügen von Grün im Stadtbild hinaus: Es ist eine bewusst urbane Ästhetik, die durch die Symbiose aus technisch-konstruktiver Architektur und gezielten, landschaftsplanerischen Interventionen entsteht, und sich damit grundlegend vom romantischen, naturnahen Lebensgefühl der Englischen Gärten unterscheidet, die bis heute vielerorts noch das Idealbild städtischer Gärten prägen. Es ist ein hybrider Garten, der nicht die Flucht ins Ländlich-Idyllische versucht, sondern sich mit seiner Rauheit bewusst zur Stadt und ihren Brüchen bekennt.

Auf neuen Ebenen


Das Potenzial dieses Projektes reicht dabei jedoch weit über die Neu- und Wiedernutzung verlassener Gleisanlagen und Hochbahntrassen hinaus: Es zeigt auch, wie sich mit einer simplen Überdachung – die ebenso als Neubau realisierbar wäre – weitere urbane Brachen von Bahngleisen über Stadtautobahnen bis hin zu Kanälen oder Parkplätzen mit schwebenden Gärten überspannen ließen. Wie ein Netz aus grünen Wegen, das als neue Ebene über die Stadt hinwegsetzt. Vielleicht braucht es dazu aber jenen großstädtischen Geist, den Diller Scofidio + Renfro und Field Operations hierbei spürbar an den Tag gelegt haben und der den Planungen in Stuttgart oder Frankfurt vielleicht noch fehlt. Denn eine wirkliche Stadt verträgt auch Parks wie diesen und muss keine idyllischen Refugien erschaffen. Warum also nicht öfters in die Höhe gehen zu Gärten, von denen aus das Häusermeer der Stadt umso mehr zur Geltung kommt? Welcher Planer sage da noch: Für neue Grünanlagen sei einfach kein Platz!
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