Irdische Pracht

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Text: Katja Neumann


Nach über zehnjähriger Bauzeit wurde eine der größten Moscheen der Welt kürzlich mit der Installation der Außenbeleuchtung fertig gestellt und erstrahlt nun in all ihrer Pracht und Schönheit: die Sheik Zayed Bin Sultan Al Nahyan Moschee, auch Große Moschee genannt, in Abu Dhabi. Die größte Moschee der Vereinigten Arabischen Emirate bietet Platz für rund 40 000 Gläubige und ist das Gesamtkunstwerk zahlreicher Gewerke und Mitwirkender aus aller Welt. Schon von Weitem strahlt die Moschee in leuchtendem Glanz durch die stimmungsvolle und detailgenaue Beleuchtung: Von außen leuchtet sie, dem Mondzyklus entsprechend, in Blau oder Weiß, im Inneren taucht die Beleuchtung die unzähligen architektonischen Finessen und edlen Materialien in ein stilles und intensives Licht.


Wie in einem Märchen aus Tausendundeiner Nacht thront die Große Moschee über der Hauptstadt der Vereinigten Arabischen Emirate, Abu Dhabi, und gilt bereits als neues Wahrzeichen der Stadt. Hervorgehoben wird die kunstvolle Architektur, konzipiert von der britischen Halcrow Group und der Innenarchitektur aus der Feder der Mailänder Spatium Architects, durch die maßgeschneiderte Beleuchtung des britischen Lichtplanungsbüros Speirs and Major Associates.

Gebäude der Superlative

Die Große Moschee wurde Mitte der 1980er Jahre vom Gründer und späteren Präsidenten der Vereinigten Arabischen Emirate, Sheik Zayed Bin Sultan Al Nahyan, persönlich initiiert. Der Bau begann in den 1990er Jahren, 2002 übernahm die Halcrow Group die architektonische Zuständigkeit und präsentierte bei der Eröffnung 2007 nicht nur die größte Moschee des Landes, sondern vor allem ein Gebäude der Superlative:
So wird die auf einer Fläche von 22 000 Quadratmetern errichtete Moschee an den Ecken von vier Minaretten mit einer Höhe von je 107 Metern eingerahmt. Weiterhin verfügt sie über 80 Kuppeln, die mit weißem Marmor dekoriert sind. Die Hauptkuppel ist mit einem Außendurchmesser von 32,7 Metern und einer Außenhöhe von 85 Metern nach Angaben des türkischen Forschungszentrums für islamische Geschichte, Kunst und Kultur die größte Kuppel ihrer Art. Umgeben ist die Moschee von insgesamt 1096 Säulen, die zentrale Gebetshalle enthält weitere 96 Säulen. Diese sind mit mehr als 20 000 handgefertigten Marmorplatten versehen, in die Halbedelsteine wie Achate, Amethyste oder Lapislazuli sowie Perlmutt eingelassen sind. Umgeben ist die Moschee von künstlichen Seen, die auf fast 8000 Quadratmetern mit dunklen Fliesen ausgelegt sind, wohingegen den Boden des 17 000 Quadratmeter großen Innenhofs Marmor und Mosaike zieren.
Im Inneren der Moschee setzt sich die Üppigkeit und der Reichtum an Ornamentik und edlen Materialien fort: Die Gebetshallen sind mit weißem, italienischem Marmor mit eingelassenen Blumenmustern versehen, die Innenwände zieren Glasmosaike und Gold. Wahre Schmuckstücke sind auch die sieben mit 24-karätigem Gold verzierten Kronleuchter, in die zusätzlich Tausende von Swarovski-Kristallen eingelassen sind. Der von der Hauptkuppel herab hängende zentrale Kronleuchter ist mit einem Durchmesser von zehn Metern, einer Höhe von 15 Metern und einem Gewicht von acht bis neun Tonnen vermutlich der größte der Welt.
Und damit der Rekorde nicht genug: Auch der weltgrößte handgeknüpfte Perserteppich ist hier zu bewundern. Im Iran hergestellt, musste der 150 mal 50 Meter große Teppich in vier Teilen nach Abu Dhabi transportiert werden.

Details durch Licht akzentiuert

Die Herausforderung für die Lichtplaner bestand bei diesem Projekt für vor allem darin, gut ausgeleuchtete Zonen zu erschaffen, in denen die architektonischen Details dezent und angemessen hervorgehoben werden. Zudem mussten riesige Räume ausgeleuchtet werden, wie zum Beispiel die 3750 Quadratmeter große zentrale Gebetshalle mit einer Höhe von 23 Metern. Auch für Veranstaltungen oder TV-Events benötigte es neben der dezent-stimmungsvollen Hauptbeleuchtung ein System, das genügend Helligkeit für deratige Anlässe produzieren kann. Bei alledem sollten die Leuchten vollständig in den Hintergrund treten und so unsichtbar wie möglich bleiben.
So integrierten die Lichtplaner die Leuchtmittel in Gräben am Deckenrand, in Mauernischen oder hinter ornamentierten Holzgittern. Das Ziel bestand darin, so viel Licht wie möglich über indirekte Wandbeleuchtung zu verbreiten. Als primäre Lichtfarbe wurde Blau eingesetzt, als traditionell spirituelle Farbe, welche mit weißem Licht kombiniert wurde. Für jedes Material, ganz gleich ob Holz, Marmor, Gold oder Gips, wurde die optimale Lichttechnik eingesetzt, um die jeweiligen Details wie Texturen oder Äderungen zu akzentuieren.
Die 23 Meter hohe und 50 Meter breite Qibla, die Gebetswand mit der vergoldeten Mihrab-Nische, ist mit islamischen Blumenornamenten und Goldmosaiken dekoriert und in Richtung Mekka orientiert. Sie stellt das religiöse Herzstück der Moschee dar und trägt die 99 Namen Allahs - als gottbeschreibende Eigenschaften – in Form von Marmor-Intarsien in traditioneller kufischer Schrift. Diese Schrift wird durch ein Faseroptik-System der Firma Crescent hinterleuchtet, sodass ein glühender Effekt entsteht. Mehr als 2000 Meter Seitenlichtfaser folgt dabei den Ausschnitten in der Marmorvertäfelung und wirft ihr Licht auf einen hinter dem Marmor befestigten Reflektor, sodass die Struktur aufzuglimmen scheint. So wirkt die Qibla-Wand intensiv und zurückhaltend zugleich.

Auf die Fassade projizierter Mondzyklus

Um den Erfolg des Beleuchtungskonzepts bei diesen enormen Flächenausmaßen zu gewährleisten, waren permanente Tests erforderlich. In Workshops und anhand zahlreicher Modelle erarbeiteten die Lichtplaner schließlich ein Konzept, basierend auf einem komplexen Kontrollsystem, das die verschiedenen, sich überlagernden Lichteffekte zu einer großen Gesamtlichtkomposition zusammenfügte.
Nach der Eröffnung der Moschee 2007 arbeiteten die Lichtplaner von Speirs and Major noch bis diesen Sommer an der Fertigstellung der imposanten Außenbeleuchtung, die das Gebäude fließend in weißes oder blaues Licht taucht. Die Anleuchtung richtet sich dabei nach dem Mondzyklus des islamischen Kalenders. „In der gleichen Art und Weise, wie der Mond Einfluss auf die Gezeiten nimmt, wollten wir, dass der Mond Einfluss auf das Gebäude nimmt“, erklärt Jonathan Speirs. „Unsere Idee bestand darin, dass das Gebäude bei Vollmond in makellosem Weiß erstrahlt, aber mit einer Struktur von langsam vorbeiziehenden Wolken. Wenn der Mond in seinem 28-tägigen Zyklus abnimmt, wandelt sich das Licht äquivalent dazu immer mehr ins Blau, um die zunehmende Dunkelheit zu symbolisieren. Am 14. Tag leuchtet die Moschee schließlich in tiefstem Blau.“
Dies geschieht mittels eines Kontrollsystems, welches die verschiedenen Lichtszenarien gemäß des Mondstandes automatisch steuert. Auch die projizierten Wolken, die in Richtung Mekka ziehen, können in ihrer Geschwindigkeit reguliert werden. Alle Fassaden des Gebäudes, inklusive der Kuppeln und Minarette, werden von Projektoren angestrahlt und somit setzt sich außen fort, was innen begonnen wurde: die sensible und intensive Illumination eines jeden Details. Und das in Perfektion.


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