Irisierende Lichtspielgarage

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Text: Tanja Pabelick

In Moskaus Gorkypark ist quasi über Nacht eine Pyramide wie ein Raumschiff gelandet. Mit ganz und gar nicht Pyramiden-typischen Eigenschaften: Die Haut schillert semitransparent in allen Farben des Regenbogens und die Konstruktion ist auf eine temporäre Nutzung ausgelegt. Denn zum Ende des Sommers wird das von Syndicate Architects entworfene Sommerkino wieder abgebaut.

Das große rote Neonzeichen leuchtet nachts mit seinen geschwungenen Lettern potentiellen Kinogängern den Weg: Garage Screen. Der visuelle Lockruf wird nicht nur vom schimmernden Überdach reflektiert, sondern auch von der Fassade eines prominenten Nachbarn. Seit 2015 steht hier das Garage Museum of Modern Art, ein zuvor baufälliges und dann umgenutztes russisches Traditionsrestaurant. Rem Koolhaas hat das sozialistisches Fertigbau-Skelett mit einer glatten, reflektierenden Fassade aus transluzentem Polykarbonat verkleidet, im Innern residiert jetzt ein Museum für zeitgenössische Kunst und Kultur.

Pläne & Aufrisse
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Im Dialog mit der Stadt
Über den Sommer führt das temporäre Lichtspielhaus Garage Screen die Kulturaktivitäten in Moskaus belebtestem Park bis in die Nacht fort. Den Architekten war dabei wichtig, dass hier kein abgeschlossener Vorführsaal, sondern ein Dialog zwischen Pavillon und Platz entsteht. Ihr Konzept sieht ein „offenes Kino“ vor, das die Stadt ins Kino lässt und das Kino in die Stadt. Die gesamte Struktur besteht nur aus Gerüst, Haut und roten Samtvorhängen, die während der Vorführung eine archetypische Popcorn-Atmosphäre herstellen. Sie lassen sich aber auch ringsherum nach oben öffnen und sorgen für eine „performative Komponente“, wie die Architekten es beschreiben. Die Besucher erleben dann nicht nur den Film, sondern parallel auch das Geschehen auf dem Platz.

Cineastischer Schutzraum
Hinter Gebäudesilhouette und Materialwahl stehen aber nicht nur ästhetische Argumente. Wie in jedem anderen Filmtheater wird Samt auch im Garage Screen als Schallschlucker eingesetzt, der den Innenraum trotz der Sichtbeziehung zum Platz akustisch abschirmt. Die Geometrie des Pavillons, die an eine vierseitige Pyramide ohne Spitze erinnert, bildet ein funktionales Allwetterdach. Die horizontale, textile Dachfläche lässt sich bei gutem Wetter komplett öffnen und gibt dann den Blick auf blauen Himmel oder Sterne frei. Die Öffnung und die Dachneigungen wurden von den Architekten beim Entwurf dem Sonnenstand entsprechend kalkuliert. Sie lassen keinen direkten Lichteinfall zu, so dass der Vorführraum permanent im Schatten liegt.

Schillernd wie Zelluloid
Während des Tages ist das Open-Air-Kino eine holographische Landmarke. Die Fassade besteht komplett aus dichriotischem PVC, das je nach Sonneneinfall, Wetter und Winkel seine Farbe verändert. Während der Pavillon tagsüber zwischen Grün und Gelb changiert, sorgt der rote Neonschriftzug nachts für rosafarbene Reflexionen auf der Fassade. Wirkung und Wahrnehmung verändern sich dynamisch – und jeder Besucher geht mit einer anderen Vorstellung von dem Gebäude nach Hause. Tatsächlich gehörte das Motiv der Vergänglichkeit von Beginn an zur DNA der irisierenden Pyramide.

Zum Herbst wird das Freiluftkino abgebaut und verschwindet wie eine flimmernde Fata Morgana. Im nächsten Jahr dürfen andere Architekten einen Kulturpavillon auf den Platz stellen. Wenn sich kein zweiter Spielort für die Pyramide finden sollte, sehen die Architekten ihre Zukunft aber durchaus direkt vor Ort. Sie stellen sich ein Materialrecycling vor – in Form von Produkten, die dann als Andenken im Museumsshop verkauft werden.

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