Japanismus am Zürichsee: Anbau der Moderne

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Text: Norman Kietzmann, Foto: Valentin Jeck

Am Zürichsee ist ein Wohnhaus aus den Fünfzigerjahren um Galerie- und Atelierräume erweitert worden. AFGH Architekten aus Zürich haben nicht nur ein sicheres Händchen beim Umbau des Originalbaus von Theodor Laubi bewiesen. Sie haben einen ebenso kraftvollen wie eigenständigen Baukörper ins Erdreich eingelassen, der zwischen Moderne und Gegenwart eine Brücke schlägt. 

Küsnacht ist eine feine Adresse. Die 13.000-Seelen-Gemeinde liegt nur sechs Kilometer vor der Stadtgrenze Zürichs an der Goldküste. Literaten wie Thomas Mann und Industrielle wie Klaus J. Jacob (Jacobs Suchard) wohnten dort. Heute erholt sich Rennfahrer Kimi Räikkönen vom Geschwindigkeitsrausch der Formel-1-Strecke. Die bekannteste Anwohnerin ist jedoch zweifelsohne Pop-Oma Tina Turner, die häufig von den Nachbarn beim Einkaufen gesichtet wird und jedes Jahr die Weihnachtsbeleuchtung im Ort spendiert. 

Sie Künstlerin, er Galerist 
Doch so traditionsbewußt sich viele Villen in Ufernähe zeigen, hat auch die Moderne ihren Weg nach Küsnacht gefunden. Auf einem Grundstück am Lärchentobelwald errichtete 1956 der Architekt Theodor Laubi (1901–1981) ein Wohnhaus inmitten eines großzügigen Gartens. Mehrfach wechselte die Immobilie in den folgenden Jahrzehnten den Besitzer und verlor durch zahlreiche Um- und Anbauten ihren ursprünglichen Charme. Das änderte sich, als das Haus 2005 vom Galeristen Damian Grieder und seiner Frau, der unter dem Pseudonym Melli Ink arbeitenden Künstlerin Melanie Swarovski, übernommen wurde. 

Den Zugang zu den Galerie- und Atelierräumen flankieren mehrere Findlinge. 
Salon statt White Cube 
Das Paar ließ das Haus zurückbauen und eröffnete 2006 im Erdgeschoss die Galerie Grieder Contemporary. Der Übergang zwischen öffentlich und privat war fließend. Die Galerie präsentierte sich nicht als steriler White Cube, sondern als ein atmosphärischer Salon, wo Kunst in einer wohnlichen Umgebung präsentiert wurde. Der Umbau wurde von den Zürcher Architekten Andreas Fuhrimann und Gabrielle Hächler (AFGH Architekten) geplant, die im Werk von Theodor Laubi auch Analogien zur brasilianische Moderne entdeckten. 

Brasilianischer Einfluss
„Ein typisches Merkmal der südamerikanischen Moderne der Fünfzigerjahre stellte die Gegenüberstellung einzelner freier, runder Formen zum mehrheitlich streng geometrisch gegliederten Grundriss dar. Bei der Gestaltung der neuen Küchen- und Möbeleinbauten stießen wir bewußt in diese Richtung, um diesen Spannung erzeugenden Kontrast zu vertiefen“, erklärt Andreas Fuhrimann. Ein Beispiel dafür ist die geschwungene Treppe, die sich kraftvoll skulptural von den Galerieräumen im Erdgeschoss hinauf zur Wohnetage schraubt. Sie wurde von unnötigem Mobiliar und Einbauten befreit und tritt nun wieder als charaktervolles Raumelement hervor.

Flexible Erweiterung
Nachdem die Galerie 2013 in den Löwenbräu-Kunstcampus an die Zürcher Limmatstraße zog, nahmen die Architekten einen weiteren Umbau in Angriff. Das frei gewordene Erdgeschoss ist in einen Wohnraum transformiert worden, der zusammen mit dem ersten Obergeschoss von Damian Grieder und Melanie Swarovski genutzt wird – und mit einer eindrucksvollen Sammlung von Mid-Century-Möbeln aufwartet. Die darüber liegende Etage dient als separat vermietbare Studiowohnung. Sie wird über eine neue Außentreppe erschlossen und öffnet sich zu einer großzügigen Terrasse mit Blick auf den Zürichsee. 

Wohnen im Mid-Century-Style mit Marco-Zanuso-Sessel und Isamu-Noguchi-Beistelltisch. 
Vorne Galerie, hinten Atelier
Den größten Eingriff markiert ein neuer Anbau, der ursprünglich als Melli Inks neues Atelier konzipiert wurde und unterhalb der Rasenfläche auf der Hofseite ins Erdreich eingelassen wurde. Warme Holzböden setzen einen wohnlichen Kontrapunkt zu rauen Betonwänden, während Oberlichter für angenehmes Arbeitslicht sorgen. „Das ganze Gebäude ist extrem multifunktional entworfen worden. Man kann es jederzeit als Wohnung, Ausstellungsfläche oder Atelier nutzen. Alle Möglichkeiten stehen offen“, erklärt Andreas Fuhrimann. Genau dieser Fall ist schließlich eingetreten, als das Paar beschlossen hat, einen Teil der Galerieräume wieder zurück nach Küsnacht zu verlegen.

Flexible Nutzung 
Der Neubau lässt sich jetzt doppelt nutzen: Im vorderen Teil wird Kunst präsentiert und verkauft. Im hinteren Teil wird Kunst gemacht. Dass die Architekten von Anfang an zwei Büroküchen und zwei Bäder eingerichtet haben, erwies sich an dieser Stelle als besonders weitsichtig. Weitere Veränderungen wurden im bestehenden Baukörper vorgenommen, wo das Schwimmbad im Untergeschoss renoviert und dank einer neuen Treppe jetzt mit dem Erdgeschoss verbunden ist. Ebenfalls hinzugekommen sind im Untergeschoss mehrere Lager- und Büroräume sowie ein großzügiger Mehrzweckraum, die alle von der Straße zugänglich sind und den Atelier- und Galeriebetrieb nicht zum Störfaktor fürs Wohnen machen. 

Japanismus und Alpenkultur
Den Zugang zur Galerie flankieren mehrere Findlinge: Sie wurden während der Bauarbeiten ausgegraben. „Die Felsbrocken, die auch treppenartig die beiden Gartenniveaus verbinden und mit Azaleen und Rhododendren durchsetzt sind, erinnern an einen japanischen Garten, aber auch an die Tiroler Bergwelt, von wo die Hausherrin stammt“, sagt Andreas Fuhrimann. Die Architektur erfüllt an dieser Stelle die Rolle eines Vermittlers: Sie läßt die unterschiedlichen Nutzungen im Haus ineinander übergehen und erlaubt dennoch eine klare räumliche Distinktion. Das Ergebnis ist kein belangloses Einerlei, sondern ein ausgewogenes Ensemble im Spannungsfeld von Moderne und Gegenwart. Ob bald auch Tina Turner neugierig wird und zur Vernissage vorbeischaut?

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