Juun.J in Seoul: Architektur der Dunkelheit

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Text: Norman Kietzmann
Foto: Yongjoon Choi

Schwarz ist nicht nur die Lieblingsfarbe der Architekten, sondern ebenso die der Mode. Im Flagship-Store des koreanischen Designers Juun.J kommen beide zusammen. Schwarze Kleidung wird in schwarzen Räumen monochrom in Szene gesetzt: eine Ode an die Dunkelheit – entworfen von dem in Seoul ansässigen Architekturbüro WGNB. 

Gut Ding braucht manchmal Weile. 1999 hat der koreanische Designer Juun.J das Label Lone Costume gegründet und seine Kollektionen zunächst auf der Seoul Fashion Week vorgestellt. Doch erst als er der Marke 2007 seinen eigenen Namen gab und auf der Pariser Männermode-Woche debütierte, gelang der Durchbruch. Danach ging alles ganz schnell: Er landete auf den Covern der italienischen Vogue oder der International Harald Tribune. Auch bekam er prominente Unterstützung: Karl Lagerfeld kaufte Juun.Js Kleidungsstücke und kollaborierte mit ihm für eine limitierte Kollektion.

Unausweichliche Beziehung 
Nach 13 Jahren war es an der Zeit, wieder verstärkt in seiner Heimat Position zu zeigen. Im angesagten Gangnam-Viertel in Seoul, nur wenige Schritte vom Dosan Park entfernt, hat Juun.J nun seinen ersten Flagship-Store eröffnet. Architektur und Interieur stammen vom koreanischen Gestalterduo Sungchil Park und Jonghwan Baek. 1992 haben sie in Seoul das Büro Wallga Associates gegründet und 2015 in WGNB (Wallga & Brothers) umbenannt. Seitdem haben sie sich vor allem mit Apartments, Geschäften und Restaurants einen Namen gemacht. 

Die Juun.J-Boutique ist ganz in Schwarz gehalten. „Es ist die Farbe, die mein Label symbolisiert. Licht und Dunkelheit stehen in einer unausweichlichen Beziehung zueinander. Ich denke, dass Dunkelheit durch Licht existiert und Licht in den Grenzen einer weiteren, höheren Kategorie von Dunkelheit liegt“, erklärt der Modedesigner, der seine Herrenkollektion seit 2017 um eine Damenlinie ergänzt. „Dark Matter“ nennt er den Gestaltungsansatz der Boutique und bezieht sich dabei auf einen literarischen Klassiker: das 1933 von Junichiro Tanizaki geschriebene Buch Lob des Schattens, das als Schlüsselwerk für fernöstliche Ästhetik gilt. 

Durch ein breites Oberlicht fällt Sonnenlicht in das Felt Café. 
Geometrische Einfachheit 
„Tanizaki beschreibt, wie der Bau eines traditionellen japanischen Wohnhauses von der Platzierung inmitten dunkler Schatten beeinflusst wird. Davon ausgehend habe ich das Konzept einer ‚einfachen geometrischen Form in der Dunkelheit‘ erfasst“, erklärt Juun.J. Architektur und Interieur der 396 Quadratmeter großen Boutique basieren auf dem Zusammenspiel von Dreieck, Rechteck und Kreis, die durch ihre schwarze Farbigkeit miteinander verbunden werden. Von außen zeigt sich der zweietagige Bau als geschlossenes Volumen. Kein Schaufenster verrät die eigentliche Bestimmung der Innenräume. 

Die Kommunikation mit der Außenwelt erfolgt lediglich über einen Garten, der von gläsernen Wänden eingefasst wird. Über rotbraunen Lavasteinen schwebt dort ein Baum inmitten einer kugelförmigen Schale, die mit Stahlseilen an den umliegenden Wänden befestigt ist. Nachdem die Besucher den Garten betreten haben, öffnet sich zu ihrer Linken mit bodentiefen Fenstern ein Café, das Juun.J auf den Namen Felt getauft hat. Durch ein breites Oberlicht unterhalb des Satteldaches – das Café basiert auf der Form eines extrudierten Dreiecks – fällt gedämpftes Sonnenlicht herein. Es ist ein Ort zum Verweilen und zum Entspannen. Auch hier ist von der Mode nichts zu sehen. 
Das Obergeschoss ist monochrom in Schwarz gehalten. 
Wechselspiel der Texturen
Erst wenn die Besucher durch zwei große schwarze Türen treten, gelangen sie in die eigentliche Boutique, die als würfelförmiges Volumen auf zwei Etagen organisiert ist. Im Erdgeschoss wird die Damenkollektion gezeigt. Sie ist der einzige Bereich im gesamten Gebäude, wo das streng-monochrome Schwarz-Thema mit teils weißen Wänden, Böden und Decken aufgelockert wird. Das Obergeschoss ist der Herrenkollektion vorbehalten und durchgehend schwarz gehalten. Der Kontrast zwischen hell und dunkel offenbart sich auch in den Texturen. 

Die weißen Elemente warten mit hochglänzenden Oberflächen auf, die einen klinischen, laborartigen Charakter erzeugen. Eine gelungene Brechung erfolgt durch eine ellipsenförmige Öffnung im weißen Boden, in der die poröse Struktur schwarzer Lavasteine umso stärker zur Geltung kommt. Doch auch in den in schwarz gehaltenen Räumen ist keine Monotonie zu befürchten. Im Obergeschoss treffen Vorhänge aus Leder auf marmorne Verblendungen, gläserne Ablagen oder betongegossene Böden – dazu gesellt sich ein ganz in Schwarz gehaltener F51-Sessel von Walter Gropius aus dem Jahr 1920. Das Ziel dieser subtilen Nuancierung bringt Juun.J so auf den Punkt: „Die Boutique ist ein Ort, der inmitten der Dunkelheit einen Sinn für Farbe offenbart.“ 

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