Karosserie zum Beten

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Text: Norman Kietzmann


Am vergangenen Samstag wurde die Kapelle Madonna delle Stelle bei Neapel offiziell geweiht. Die Besonderheit des Baus mit metallischer Hülle und lichtdurchflutetem Kern: Der Entwurf entstammt der Turiner Autoschmiede Pininfarina, die nicht nur einen selbstbewussten Schritt in Richtung Architektur unternahm. Auch der gesamte Innenraum einschließlich der Möbel, des Kreuzes und der Orgel wurde von den Turiner Asphalt-Fetischisten gestaltet.


Autos sind ein Versprechen. Und manchmal sogar noch mehr. Dass die Anbetung schnittiger Karosserien mitunter selbst religiöse Züge annehmen kann, wird auf jeder Automesse eindrucksvoll vor Augen geführt. Dennoch blieb eine unmittelbare Überschneidung zwischen der Gestaltung von Fahrzeugen und Kirchen bislang aus. Zu unrecht, wie die Designer von Pininfarina befanden. In Riardo, einer Kleinstadt im Norden von Neapel, haben sie mit der Kapelle Madonna delle Stelle ihr erstes religiöses Projekt aus der Taufe gehoben, das alles andere als wummernde Pferdestärken unter der Haube hat.

Metallener Mantel


Auf dem ersten Blick ähnelt der Bau, der von der Adelsfamilie Perrella finanziert und auf einem eigenen Grundstück etwas außerhalb der Stadt errichtet wurde, einem ruhenden Gürteltier. Wie ein schützender Panzer umhüllt eine Fassade aus galvanisierten Stahlträgern und einer Verkleidung aus Titan das kurvenreiche Gebäude. Es war eine Auflage der Bauherren, die Silhouette der umliegenden, hügeligen Landschaft aufzugreifen, anstatt ihr einen kubischen Fremdkörper entgegenzusetzen. Ausgehend von einem elliptischen Grundriss, ließen die Pininfarina-Designer das Kirchenschiff mit dem Glockenturm verschmelzen. Wie eine in die Vertikale gedrehte Sinuskurve wächst das Bauwerk vom Eingang im Westen zur Spitze im Osten kontinuierlich an.

Ein schmales, umlaufendes Fensterband lässt die metallene Hülle optisch über dem Boden schweben und erlaubt von innen einen direkten Ausblick in die Natur. Ein Wasserbecken umringt das Gebäude unterhalb des Daches und sorgt für einen besonderen Effekt: Wenn Sonnenlicht auf die Oberfläche des Wassers trifft, werden die sich kräuselnden Spiegelungen durch das schmale Fensterband an die weiß verputzte Decken der Kapelle geworfen. Je nach Sonnenstand verändert sich somit die Beleuchtung im Inneren der Kapelle, die von einem zweiten Fensterband entlang der Decke mittig durchschnitten wird.

Organisch versus kubisch

Auf der Höhe des Eingangs gleicht die Öffnung einem breiten Oberlicht, das den Innenraum zum Himmel öffnet. In östliche Richtung verdichtet sich das Fensterband zu einem schmalen, vertikalen Streifen, der hinter dem Altar zum Glockenturm hinaufführt. Zwei Glocken werden dort von der zweigeteilten Dachkonstruktion eingefasst und durch den Verzicht auf einen zusätzlichen Wetterschutz schon von weithin sichtbar in Szene gesetzt. Sind es vor allem weiche, fließende Konturen, die die Architektur bestimmen, gingen die Pininfarina-Designer bei der Möblierung den umgekehrten Weg. Mit Ausnahme zweier runder Becken für das Tauf- und Weihwasser, die beidseitig der Eingangstür platziert wurden, sorgen klare Kanten und rechte Winkel für einen ausgleichenden Kontrast.

Über einem massiven Block aus Travertin, der nur wenige Kilometer von der Kapelle entfernt gewonnen wurde, hängt ein Kreuz aus polierter Bronze an einer Wand aus Stahl. Dessen rostige Oberfläche findet ebenso an der stählernen Flügeltür am Eingang der Kapelle Verwendung, die somit eine räumliche Klammer bildet. Als Sitzbänke dienen massive Blöcke aus Holz, aus den schlanke Rückenlehnen herauswachsen. Flache Polster, mit denen die Sitzflächen, Rückenlehnen und rückseitigen Knieauflagen bestückt wurden, zeichnen sich als weiße Bänder auf den hölzernen Blöcken ab und sorgen für eine optische Verbindung zur weiß verputzten Decke.

Aus einem Guss

Selbst die Orgel, das Tabernakel, eine Bibelauflage sowie das Rednerpult wurden von Pininfarina gestaltet. Auch wenn deren Ingenieure bereits 2011 mit dem Bau des neuen Fußballstadions für den Verein Juventus Turin erste Erfahrungen als Bauplaner gesammelt haben, markiert die Kapelle Madonna delle Stelle einen weiteren Schritt nach vorne. „Wir hatten mit diesem Projekt das Ziel, unsere Marke noch weiter in das Feld der Architektur hineinzutragen“, gibt Paolo Pininfarina, Präsident der Pininfarina-Gruppe, unumwunden zu. In Zeiten, in denen es schnittigen Wagen zunehmend am Image kratzt, vielleicht ein wichtiges Nebenstandbein. Schließlich machen glänzende Karosserien bei Weitem nicht nur als Gotteshäuser eine gute Figur.
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