Kasten mit Gefühl

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Text: Jana Herrmann
Foto: Yoshihiro Asada

Hai, he did it again! Der japanische Architekt Kouichi Kimura hat sein Portfolio um ein weiteres Haus ergänzt, das sich seiner Umgebung gegenüber vollständig zu verschließen scheint. Näher betrachtet, zeigt es jedoch viel Gefühl für Offenheit, Privatsphäre und poetischen Minimalismus.

Der 55-jährige Kouichi Kimura baut mit seinem Büro Form Kastenhäuser, die er gemäß den Wohnbedürfnissen seiner Auftraggeber und den geografischen Gegebenheiten aus unterschiedlich großen Kuben zusammensetzt. Vor allem in den japanischen Vorstädten, wo sich die meisten seiner Bauten befinden, bilden Kimuras Konstruktionen einen auffälligen Kontrast zu den traditionellen, aber auch den modernen Wohnbauten aus Beton. Auch sein aktueller „Kasten“ in einer Präfektur östlich von Kyoto, einer der historisch und kulturell bedeutendsten Städte Japans, fällt inmitten von Feldern, Bauernhöfen und traditionellen Shintō-Schreinen sofort auf.

Paradoxe Wunschvorstellungen
„Größtmögliche Privatsphäre mit Bezug zur Außenwelt“: So wünschten es sich die Auftraggeber. Kimura erfüllte ihnen diesen Wunsch, indem er ein Haus ohne herkömmliche Fenster um drei Seiten eines Innenhofs baute und die vierte Seite mit einer lediglich halbhohen Mauer abschloss. So inszeniert er den Blick in die Landschaft. Dieses Grundrissprinzip, also die Anordnung eines Hauses um einen Hof, gab dem erst kürzlich fertiggestellten Projekt auch seinen Namen: Courtyard House, zu deutsch Hofhaus. Ein typisches Element dieses Haustyps zog Kimura im wahrsten Sinne des Wortes durch den Innenhof: Wasser, das in einem schmalen Kanal von der äußeren Hauswand in den Hauptflügel des Hauses zu fließen scheint.

Pläne
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Innen ist auch außen
Allerdings dient dieser Wasserkanal, im Gegensatz zu vielen klassischen Hofhäusern, nicht der klimatischen Abkühlung; ist aber auch weitaus mehr als lediglich dekorative Auflockerung des schlichten Hofs: Der Kanal symbolisiert vielmehr die Verbindung der Außen- zur Innenwelt. Architekt Kimura hat noch weitere Bindeglieder zwischen Innen- und Außenraum entworfen – übrigens ein Thema vieler japanischer Wohnhäuser. So ersetzte er beispielsweise eine komplette Hauswand durch eine Glasvitrine, deren überdimensionaler Betonrahmen auf der Innenhofseite als Terrassenvorsprung und im Hausinneren als Sitzbalustrade genutzt werden kann. Graue Betonelemente und die Farbe Weiß bestimmen sowohl den Hof als auch das Interior des Projekts.

Kimuras Elementarteilchen
Beeindruckender als die Farb- und Materialwiederholungen sind allerdings Kimuras Kombinationen von Licht, Schatten und geschichteten Gebäudeelementen, mit denen er seine typische und teilweise auch paradoxe Wohnwelt erschafft. So sorgen beispielsweise Wandnischen und unterschiedlich hohe Decken für eine gewisse Abgrenzung des offenen Wohn- und Essbereiches; klare Formen und Sichtachsen werden vom durch das Dach einfallende Tageslicht unterstützt. Und obwohl sich im durchgängigen und großflächigen Wohnbereich zu ebener Erde kein einziges Fenster befindet und das Courtyard House von vier Mauern umgeben ist, suggeriert der Blick durch die Glasvitrine auf den Innenhof und die dahinter liegende Berglandschaft ein Gefühl von Offenheit und Weite.

Internationale Inspiration
Insgesamt beeindruckt die fast multikulturelle Vielfältigkeit dieses Projektes, das auf den ersten Blick sowohl von innen als auch von außen so ungemein schlicht wirkt. Kouichi Kimura zollte mit streng geometrischen Formen und leeren Räumen Tribut an die japanische Baukunst. Er erzeugte gleichzeitig aber auch durch seine Spielereien mit unterschiedlichen Bauelementen eine Art von europäischer Gemütlichkeit. Und benannte das Haus zudem nach einem Bautyp, der am häufigsten in orientalischen Gefilden anzutreffen ist.

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