Katalanisches Kontinuum: eine introvertierte Wohnskulptur

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Text: Tim Berge
Foto: José Hevia

Das verschlossen wirkende Wohnhaus in der katalanischen Kleinstadt Sant Feliu de Llobregat vor Barcelona gibt von außen Rätsel auf. Wo befindet sich der Eingang? Welche Nutzung verbirgt sich in seinem Inneren? Umso überraschender ist das, was die Besucher nach Betreten des Gebäudes erwartet: eine introvertierte Wohnskulptur mit enormer räumlicher Vielfalt. 

Die Geschichte des Umbaus beginnt mit dem immobilien- und gesellschaftspolitischen Statement einer Familie, die ihr Haus nicht an den Meistbietenden, sondern für einen wesentlich niedrigeren Preis an einen Freund verkauft. Der ideelle Charakter des Projekts blieb auch in der Folge, und während der sieben Jahre andauernden Ausbau- und Renovierungsarbeiten, erhalten, bei denen der Bauherr und viele seiner Freunde selbst Hand anlegten – unter Anleitung des jungen Architekturkollektivs P-M-A-A. 

Aufgefüllte Lücke 
Von außen erinnert das Haus an die Schichtung von Gesteinsmassen: Unterschiedliche Ebenen heller Oberflächen von Putz über Metall hin zu und weiß gestrichenen Ziegeln, liegen übereinander und füllen die Lücke zwischen zwei Gebäuden. Nur ein Balkonfenster im Obergeschoss deutet auf seine Funktion als Wohnhaus hin und liefert gleichzeitig einen Verweis auf dessen Historie. Eine Eingangstür ist nicht zu erkennen – denn es gibt auch keine. Betreten wird das Haus über ein Garagentor, das die Architekten etwas zurückgesetzt in das Erdgeschoss eingefügt haben.

Die Treppe ist der Star 
Das Innere der Casa Descuadra beeindruckt mit seiner räumlichen Verspieltheit, schräg gestellten Wänden und Liebe zum Detail. Nach dem Eingangsbereich, unmittelbar hinter dem Garagentor, geht es direkt in die Küche, an die sämtliche Wohn- und Außenräume angegliedert sind: ein Lichtschacht und ein Innenhof mit anschließendem Arbeitszimmer sowie die im Obergeschoss liegenden Schlafräume. Die Treppe, die beide Etagen miteinander verbindet, ist der heimliche Star des Projekts – wie eine minimalistische Skulptur mäandert sie durch das Gebäude und generiert eindrucksvolle und ungewöhnliche Raumgebilde um sich herum.

Pläne
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Während das Erdgeschoss über helle, steinerne Oberflächen verfügt, ist die obere Etage mit einem Dielenboden ausgestattet, der sich auch an den Wänden eines Stauraums fortsetzt. Wie ein Scharnier wurde dieser zwischen den Schlafzimmern platziert. Das hölzerne Volumen dient nicht nur der Aufnahme von Kleidungsstücken, seine Decke ist gleichzeitig auch Zwischenpodest auf dem Weg zum Dach – dem inoffiziellen Wohnzimmer des Hauses. Über eine weitere, in diesem Fall mobile, Treppe kann man auf das Raumgebilde und von dort aus weiter ins Freie steigen: Kontinuität bleibt das raumdefinierende Medium.

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