Kisten für Brooklyn

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Text: Tim Berge

Auf den ersten Blick wirkt das Doehler Apartment in Brooklyn, als sei der Umzug der Familie noch nicht ganz abgeschlossen: Kisten, von denen einige aussehen wie Pappkartons, stehen chaotisch übereinander gestapelt an weißen Wänden und unter rohen Betondecken. Doch hinter der Unordnung steckt System! 

Zuerst galt der Auftrag für das New Yorker Architekturbüro Sabo nur dem Badezimmer des Brooklyner Lofts. Doch als die Bauherren die alten Decken und Wände der Wohnung herausgerissen hatten, eröffnete sich ihnen erst das ganze Potenzial ihres neuen Apartments, und die Planungsaufgabe wurde kurzerhand ausgeweitet.

Unerwartete Vergrößerung
Ein Meter mehr an Höhe: Als die abgehängten Decken in der ehemaligen Druckgussfabrik entfernt worden waren, trauten die Beteiligten ihren Augen kaum. „Es war, als hätten wir ein geheimes Zimmer entdeckt“, beschreibt Architekt Alex Delaunay den Augenblick der Überraschung. „Wir erkannten, dass oberhalb der Decken nichts war und dieser neu gewonnene Raum frei zur Verfügung stand.“ Die unerwartete Vergrößerung der Wohnung nutzten die Architekten, um dem Loft ein Mezzaningeschoss und zusätzlichen Stauraum hinzuzufügen – mit sehr geringem Budget. „Allein das Badezimmer ist nun fast 30 Prozent größer als zu Anfang geplant!“

Historische Artefakte
Sabo nutzte die neu gewonnene Höhe, um mit einer Raum-in-Raum-Architektur mehr Platz zu schaffen und Tageslicht in das 124 Quadratmeter große Apartment zu lenken: Jedes Zimmer ist freistehend und wird über Treppen erschlossen. Gläserne Geländer rücken optisch in den Hintergrund und lassen das einfallende Licht hindurch. Außerdem legten die Architekten die originale Betondecke und mächtige Stützen frei, die dem Loft etwas von seiner Geschichte und seinem Charakter zurückgeben. „Die Betonstruktur wurde dazu entwickelt, viele Tonnen Gewicht zu tragen. Die über 100 Jahre alte Herstellungsmethode ist ein historisches Artefakt, und wir haben versucht, viel davon zu erhalten“, sagt Delaunay.  

Schatzkisten
An den Zimmerwänden stapeln sich in unregelmäßigen Abständen hölzerne Kisten in unterschiedlichen Größen: Manche von ihnen sind offen, andere können geschlossen werden. In der Küche und im Wohnbereich bilden sie den dringend benötigten Stauraum und dienen gleichzeitig als Treppe hinauf zum Mezzaningeschoss, das als Spielraum für die Kinder und Gästeschlafzimmer genutzt wird. „Jedes Volumen ist maßgeschneidert und bietet Platz für ein, im Vorfeld klar definiertes, Objekt – zum Beispiel einen Drucker, Weinkisten oder Teller“, erklärt der Architekt. „Wir empfanden diese Vielfalt und den Reichtum an Bedürfnissen als großes Glück und wollten sie zu unserem Vorteil nutzen!“

Gefliester 3D-Effekt
Die Dreidimensionalität der Kistenarchitektur übertrugen die Architekten auch ins Innere des Badezimmers, allerdings mit einem anderen Stilmittel: Farbige, rautenförmige Fliesen wurden am Boden und an den Wänden so angeordnet, dass ein faszinierender räumlicher Effekt erzeugt wird. Blau- und Grautöne sowie Weiß spielen mit dem Thema Wasser. Die Ausführung des komplexen Fliesenmusters bedurfte einer strikten Planung und Koordination: „Jede Fliese und Farbe hatte ihren exakt definierten Platz“, beschreibt Alex Delaunay. „Das Ornament zieht sich auch um die Ecken, wodurch eine ununterbrochene Raumwahrnehmung entsteht.“ Eine Wirkung, die sich durch das gesamte Doehler Apartment zieht und es so sehenswert macht.

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