Klug gestapelt: Mikroapartments in Seoul

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Text: Norman Kietzmann

Ein Plädoyer für effizientere Grundrisse gibt das südkoreanische Architekturbüro Bo-DAA. In Seoul entstand nach dessen Plänen ein Gebäude mit 72 Mikroapartments, deren Grundrisse zwischen 16,5, 23 und 33 Quadratmetern variieren. Für Größe und Wohnkomfort sorgen die Gemeinschaftsräume. 

In Gangnam ist immer etwas los, egal zu welcher Uhrzeit, egal an welchem Wochentag. Das In-Viertel von Seoul ist zweigeteilt. Der nördliche Teil um den Dosan Park ist in den Händen der Modemarken, die sich mit ganzen Markenarchitekturen in Szene setzen. Seit Wochen schon stehen die Hippster Schlange, um einen Platz im Café der Junn.J-Boutique zu ergattern. Der südlichere Teil von Gangnam ist ein quirliges Business-Viertel, wo ein Glasturm nach dem anderen in den Himmel wächst. Langeweile ist auch hier nicht zu befürchten. Wenn die Büros geschlossen sind, tobt das Leben in Restaurants, Bars und Clubs immer weiter. 

Mehr durch weniger 
Vor allem junge Menschen schätzen das Viertel zum Wohnen, auch wenn die Mieten längst die höchsten in ganz Südkorea sind. Genau für diese Zielgruppe ist ein Apartmentgebäude mit 72 Wohneinheiten errichtet worden, das vom ebenfalls in Seoul ansässigen Büro Bo-DAA entworfen wurde. Um die zentrale Lage erschwinglich zu halten, mussten die Quadratmeter schrumpfen. Gleichzeitig sind die Grundrisse neu sortiert worden – nach einem einfachen Prinzip: Gemeinschaftliche Funktionen werden ausgelagert. Im Inneren der Wohneinheiten werden Wohnen, Schlafen und Kochen zu kompakten Raumgefügen verschmolzen.

Ein begrüntes Atrium bildet das Herzstück des Gebäudes. Foto: Lee Jieung

Ein begrüntes Atrium bildet das Herzstück des Gebäudes, das die Architekten „Baumhaus“ getauft haben. Ein hoher, weitläufiger Raum, der vom Erdgeschoss bis ins fünfte Stockwerk hinaufreicht und sich dort mit einer breiten Glasfront zu einer Terrasse öffnet. Wer nicht allein sein will, kommt hier her. Die Lobby geht in eine Lounge mit mehreren Sitzecken über, die mit ihren orangenen Lederbezügen einen warmen Kontrapunkt zum Grau der Sichtbetonwände setzen. Hohe Palmen und Nadelbäume gliedern den Raum in einzelne Zonen, ohne deren Sichtkontakt untereinander komplett zu unterbrechen.

Garten für Vierbeiner 
An die Lobby-Lounge schließen sich ein Co-Working-Space, ein Raum mit Drucker- und Kopiermaschinen, eine große Gemeinschaftsküche, ein Restaurant-artiger Essbereich sowie zwei Waschsalons an: Der erste ist ganz normal mit Waschmaschinen und Trocknern ausgestattet. Der zweite verfügt über großformatige Wannen, um dort den vierbeinigen Begleitern der Hausbewohner von Zeit zu Zeit eine Dusche zu verabreichen. Im Außenbereich des Hauses schließt sich ein Hundegarten an, der ebenfalls mit Sitzgelegenheiten ausgestattet ist und damit als weiterer Treffpunkt für die Haustier-affinen Mieter dient. 

„Die Gemeinschaft wird nicht forciert, doch unterstützt. Jede Wohneinheit ist für eine einzelne Person mit eigenem Bad und Küchenecke ausgestattet. Die Bewohner teilen nur diejenigen Einrichtungen, bei denen ein Zugewinn an Größe und Gemeinschaft für eine bessere Erfahrung sorgt“, erklärt Melody Song. Zusammen mit Xinyi Wang, Dionysus Cho und Haelee Jung hat sie das Büro Bo-DAA gegründet, nachdem sich das Quartett an der Yale School of Architecture kennengelernt und 2015 respektive 2016 ihren Master absolviert hatte. Um mit dem Platz im Inneren der Mikro-Apartments sparsam umzugehen, sind von ihnen ungewöhnliche Allianzen geschmiedet worden.

16,5-Quadratmeter-Apartment mit rollbarem Esstisch. Foto: Lee Jieung

Rollender Tisch 
In einigen Wohnungen ist das Bett parallel zur Küchenzeile platziert. An der Rückseite des Kopfendes steht eine gepolsterte Bank. Dazu gesellt sich ein langer schmaler Esstisch, der auf einer Seite mit einer Schiene an der Wand befestigt ist. Am anderen Tischende ragen zwei schmale Füße herab und setzen auf den Fliesenboden mit Rollen auf. Der Sinn dieser Konstruktion: Soll auf der Bank Platz genommen werden, wird der Tisch direkt bis an die Küchenzeile geschoben. Das Essen sollte zu diesem Zeitpunkt allerdings schon fertig sein, weil der Tisch den direkten Zugang zur Küchenzeile versperrt. Wird der Tisch über das Bett geschoben werden, kann dort in liegender oder kniender Haltung gegessen oder am Laptop gearbeitet werden. 

Die Wohnungen in den oberen Stockwerken sind als Maisonetten ausgeführt. Das Bett ruht hier auf einer Plattform oberhalb der Küche, die zugleich als Eingangsbereich dient. Der Unterbau der Treppe, die hinauf zum Bett führt, bietet zusätzlichen Stauraum hinter verschließbaren Türen.  Auf Flexibilität setzen Bo-DAA an der Wand gegenüber der Treppe. Sie ist mit einem Lochraster überzogen, in das Regelböden, Kleiderhaken oder sonstige Dinge befestigt und in ihrer Anordnung stetig variiert werden können. Eine intelligente Lösung zeigt sich zudem an den Fenstern. „Die Rollos werden von unten nach oben gefahren, um Privatsphäre zu garantieren und dennoch einen Streifen vom Himmel zu erhaschen“, so die Architekten. Klein kann mitten in Gangnam mitunter ganz schön groß sein. 

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