Krawall in Pastell: Apartment in Tokio

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Text: Tanja Pabelick
Foto: Jan Vranovsky

Erdbeer, Pistazie und Flieder, wohin das Auge auch flüchten will: Das Nagatcho-Apartment des Farbexperten Adam Nathaniel Furman ist eine Herausforderung für die Sinne. Aber auch eine Ode an Poesie und Phantasie. Mitten in Tokio hat der Wahl-Londoner eine konsequente Wohnwelt geschaffen, die den Besucher in ein Wunderland aus Farbe, Material und Textur katapultiert.

Schon augenscheinlich ist Adam Nathaniel Furman als der kreative Kopf seiner Projekte zu erkennen. Der Gestalter, der in London lebt und argentinische, japanische und israelische Wurzeln hat, zeigt mit der eigenen Kleidung keine Angst vor Farben und Mustern. Die Kühnheit spiegelt sich auch im Portfolio wider: Die Grenzen zwischen den kreativen Professionen hat er längst aufgelöst. Er entwirft praktische Objekte, künstlerische Skulpturen, Interieurs oder ganze Stadtansichten – unter anderem auch als Co-Director der Forschungsgruppe Saturated Spaces, die zu Farbe in Stadtplanung und Architektur forscht und arbeitet. Wer Adam Nathaniel Furman also ins Boot holt, der muss damit rechnen, dass er die Palette des Farbkastens voll ausschöpft.

Eisfarben im Regierungsviertel
Das Projekt Nagatacho ist nach seiner Lage benannt. Nagatacho ist ein zentrales Stadtviertel von Tokio, zu dessen Besonderheiten auch gehört, dass es nur wenige tatsächliche Bewohner vorzuweisen hat (knapp 350 Haushalte), tagsüber aber durchaus 25.000 Menschen durch die Straßen strömen. Sie kommen für die hier ansässigen Regierungsgebäude – und reisen abends wieder ab. Das 160 Quadratmeter große Nagatcho-Apartment ist also unter mehreren Gesichtspunkten ein Unikum in der Nachbarschaft. Es hat drei Schlafzimmer, zwei Badezimmer, einen großzügigen Gemeinschaftsbereich und eine Terrasse – vor allem aber ein konsequent dekliniertes Designthema. Adam Nathaniel Furman hat die Räume von der Decke bis zum Boden und von der Steckdose bis zum Schrankknauf in Pastelle und Blockfarben gekleidet.

Der Raum als Manifest
Knapp zwei Jahre hat die Realisierung in Anspruch genommen. Für das Ergebnis findet Designer Adam Nathaniel Furman Worte, die ebenso kraftvoll und poetisch sind, wie das fertige Apartment: „Es ist ein Rückzugsort reiner sinnlicher Freude, ein kleines, aber mit viel Tiefe gestaltetes Manifest für eine Architektur, die ein hyper-ästhetisiertes Fest der Sinne feiert ebenso wie die alltägliche Wohnwelt.“ Flieder, Erdbeerrosa und zarte Blaunuancen treffen auf kräftiges Grasgrün, Kanariengelb und Orange. Die Kontraste der Farben sorgen für eine alternative Raumwahrnehmung. Sie heben die Möbel und Einbauten hervor, machen die sonst übersehene Fußleiste zum Akzent zwischen Tapete und Teppich oder strukturieren den Raum durch geometrische Anstriche vom Streifen-Look bis zum Kreisornament.

Handwerkliche Präzision
Bei den Materialien setzt der Gestalter neben den vielen matt lackierten Oberflächen auch auf natürliche Details aus Holz. In Bad und Küche heben monochrome Mosaikfliesen mit ihrem strukturierten Raster die ästhetische Flächigkeit auf und dämpfen eine allzu artifizielle Raumwirkung. Besonders wichtig war Adam Nathaniel Furman auch die exzellente Ausführung der maßgeschneiderten Lösungen. Jeder Makel und jeder unpräzise Übergang würde sofort ins Auge fallen. Für die Umsetzung der Holzdetails und Schränke wurden deshalb erfahrene Tischler beauftragt, die auch hinter den Fronten für Perfektion sorgen. Die farbigen und geometrischen Intarsien der Türen hingegen wurden computergesteuert durch einen Laserschneider realisiert und gehen formschlüssig und homogen ineinander über. Die Herkunft der eingesetzten Produkte spielte für Furman eine untergeordnete Rolle: „Die Materialien werden vielmehr für ihre Sinnlichkeit und ihre Wirkung auf die Phantasie gefeiert“, erklärt er.

Porzellan und Plastik
Handgeknüpfte Teppiche werden mit Vinyl kombiniert, die Kunststoffflächen der Wände treffen auf Türgriffe aus edlem Porzellan. Adam Nathaniel Furman ist nicht nur angstbefreit in Bezug auf krawallige Farbkombinationen, er schreckt auch vor Konfrontation der Luxuserzeugnisse mit Produkten aus Baumarktregalen nicht zurück. Solange der Effekt stimmt. „Das Nagatcho-Apartment ist ein Experiment für den euphorischen Genuss von Farbe, Textur, Material und Form im Theater des Banalen und Alltäglichen. Ein Raum, der die Rituale und gemeinschaftlichen Aktivitäten der Nutzer in einen Ort mit konsequent verführerischer Ästhetik überführt.“

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