Kreative Früherziehung

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Text: Tanja Pabelick, Foto: Christine Schaum


Ein Ort zum Arbeiten im erwachsenen Sinne ist das Kinderkunsthaus in München freilich nicht. Aber es bietet Kindern einen Platz, an dem sie sich kreativ betätigen können – und zwar nicht nur mit Schere, Pinsel und Papier, sondern auch im Bereich der modernen Medien, ob mit PC, Fotografie oder Film. Und so haben die beiden Architektinnen des Büros atelier sv auch nicht versucht, mit möglichst buntem Plastik-Pop eine klischeehafte Kinderzimmeratmosphäre zu schaffen. Vielmehr kreieren sie mit viel Weiß und bewussten Akzenten ein Setting, das der künstlerischen Betätigung auf allen angebotenen Ebenen Raum gibt.

 
Das schmale Häuschen liegt im Norden Münchens, in unmittelbarer Nähe zur Münchner Freiheit und nur ein paar Straßen vom Englischen Garten entfernt. Der doppelstöckige, leicht zurückgesetzte Flachbau schmiegt sich zur Linken an die vier Etagen eines Altbaus, zur rechten Seite wird er von einem Durchweg flankiert, der durch Tore von der Straße getrennt als schmaler Innenhof genutzt wird. Gerade die eigentlich unscheinbare Erscheinung des Gebäudes inszenierten die Architektinnen als charaktergebendes Element: Indem sie um die Tür und die drei kleinen Fenster der ersten Etage den stilisierten Umriss eines Giebelhauses malen ließen, skalierten sie den vormaligen Zweckbau visuell auf Puppenstubengröße und unterstrichen damit seine neue Nutzung.
 
Der Raum als Leinwand

Die Werkstätten befinden sich nur im Erdgeschoss und folgen ohne Flure aufeinander: Empfang, Werkstatt, Medienlabor und ganz am Ende, als kleinstes Zimmer, ein Seminarraum. Schon im Empfangsbereich wird das Konzept des Kinderkunsthauses deutlich: Weiße Wände, ein in Cremeweiß gestrichener Fußboden und als Lichtquelle zylindrische weiße Spots. Der Empfangstresen ist ein großer, weißer Block. Auch das restliche, fest installierte Mobiliar, wie die als Bücherregale umfunktionierten Weinkisten und ein langes Ablage- und Arbeitsbord an der Fensterfront sind strikt weiß gehalten. Lediglich einige ausgewählte Objekte akzentuieren den Raum, darunter die Industrieleuchten oder die von Eames gestalteten Plastic Side Chairs mit Holzgestell von Vitra.
 
Mit den Händen werken

Auch im zweiten Raum, der eigentlichen Werkstatt, finden sich aktuelle Designstücke neben einem Mobiliar, das ganz bewusst die archetypische Ausstattung eines Handwerksbetriebes zitiert. Vierbeinige Hocker, die schon einige Jahrzehnte in einem Künstleratelier auf dem Buckel haben könnten, fast deckenhohe Lagerregale aus Metall, bestückt mit großen Kunststoff-Kisten, sowie von der Decke baumelnde Mehrfachsteckdosen machen den Charme einer Schreinerei oder Werkzeugmanufaktur erlebbar. Tatsächlich wird hier in Gruppen gemalt, gezeichnet, konstruiert oder gebaut – und durch die Zurückhaltung des Raumes wird dieser quasi zur Leinwand, vor der die entstandene Arbeit viel besser wahrgenommen werden kann.
 
Maus und Co.

Einen Raum weiter geht es weniger analog zu. Im Medienlabor können sich die Kinder auf spielerische Weise die digitale Welt erschließen. Zum Angebot gehört neben Computerarbeitsplätzen auch eine Bluescreenbox. Eine kleine blaue Nische führt die Kinder hier an die Möglichkeiten digitaler Bildbearbeitung heran: Die angegliederte Garderobe stellt Kostüme bereit, und nach dem Fotoshooting können die Jungfotografen sich in andere Welten montieren.

Durch die verschiedenen Möglichkeiten und Anforderungen an die Arbeitsplätze wurde dieser Raum stärker zoniert, auch indem die Möbel als gliedernde Elemente platziert wurden. Neben dem Durchgang ist eine Leseecke direkt in die Wand integriert und damit stärker von den anderen Bereichen abgeschirmt. Im Zentrum steht ein großer Tisch zur gemeinschaftlichen Arbeit, und am Raumende sind  zu den Wänden weisende Computerarbeitsplätze installiert, farblich akzentuiert durch bunte Panton-Stühle. Diese Mischung aus zurückgenommenem Raum, liebevoll ausgewählten Designstücken und einigen Vintage-Objekten macht das Kinderhaus zu einem besonderen Ort: Denn es strahlt einerseits eine strukturierte Ordnung aus, lädt trotzdem zum wilden Experiment ein und schafft in diesem Zusammenspiel einen Ort für Kreativität und Gestaltung.

www.vitra.com
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