Kurven am Kai

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Text: Norman Kietzmann


Es ist ihr erstes Gebäude auf britischem Boden: Mit dem Riverside Museum in Glasgow wird am 21. Juni das neue Verkehrsmuseum nach Entwürfen von Zaha Hadid eröffnet. Es ist ein ungewöhnlich ruhiger Bau, der sich von den expressiven Frühtagen oder den gegenwärtigen Blobs der Londoner Architektin auf wohltuende Weise abhebt. Am Knotenpunkt der Flüsse Kelvin und Clyde platzierte Hadid einen dynamisch geschwungenen Baukörper, der – halb Lagerhaus, halb Galerie – die vergangenen 150 Jahre schottischer Industriegeschichte in die Gegenwart holt.



Selbst im Juni weht an diesem Ort eine steife Brise, die das Thermometer nur schwerlich über zehn Grad Celsius klettern lässt. Es ist zwölf Uhr mittags und im Inneren des Museums – platziert zwischen einer raumhohen Wand voller Oldtimer, über fünf Meter langen Modellen des Dampfers Queen Mary und einer pechschwarzen Dampflokomotive – wird soeben die Pressekonferenz einberufen.

Natürlich fallen die üblichen Begriffe. Von einer einprägsamen Landmarke Schottlands ist die Rede und ebenso von der Erwartung, dass der Bau möglichst viele Besucher nach Glasgow bringen werde. Bereits heute, so Glasgows Bürgermeister Gordon Matheson, habe sich der Bau kultureller Einrichtungen – wie beispielsweise das gürteltierartige SECC Clyde Auditorium von Norman Foster wenige Meter entfernt – ausgezahlt. In der Kultur- und Tourismusbranche seien heute mehr Menschen beschäftigt als zur Blütezeit des Schiffsbaus in allen Werften der Industriemetropole zusammen.

Dynamisches Lagerhaus

Auch wenn das Stichwort Bilbao durchaus fiel: Außer ihrer Lage am Wasser haben das Guggenheim Museum von Frank Gehry und Hadids Bau nicht viel gemeinsam. Nicht nur, dass das Glasgower Transportmuseum bereits an seinem alten Standort über eine angesehene Sammlung britischer Industriegeschichte verfügt. Auch die Architektur des neuen Museums selbst will sich der Idee der viel zitierten Landmarke nicht ganz fügen. Statt eine weithin sichtbare Skulptur zu errichten, entwarf Zaha Hadid ihr bislang ruhigstes Gebäude, dessen Typologie nicht ganz passen will zwischen ihrem expressiven Frühwerks mit dem Vitra-Feuerwehrhaus in Weil am Rhein, der Überlagerung linearer Strukturen wie beim Maxxi in Rom oder den gegenwärtigen Blobs wie dem Opernhaus in Dubai.

Wirkt die mit Zinkpaneelen verkleidete Fassade von Nahem fast unscheinbar, kommt das in dynamische Falten geschlagene Dach, das ebenfalls vollständig mit Zink verkleidet wurde, eher von Weitem zur Geltung. Wer sich mit dem Auto dem Museum nähert, kann die Struktur des Dachs klar erkennen, das sich in schlängelnden Linien in das zickzackförmige Grundstück einpasst. Wenn das Museum, wie im Bebauungsplan vorgesehen, zukünftig von weiteren Gebäuden umgeben sein wird, wird es lediglich von der anderen Wasserseite in seiner ganzen Dimension erfahrbar sein. Für die Besucher sind es dann vor allem die beiden Eingangsbereiche des Museums – der eine in Richtung Straße, der andere in Richtung Flussufer – die die schlängelnde Gebäudeform durchschneiden und an ihren Seiten vollständig verglast wurden.

Fließende Dachkante

Mit seinem mäandernden Profil, das mit seiner gestauchten und gestreckten Aneinanderreihung von Satteldächern an die Lagerhallen auf der gegenüberliegenden Seite des Flusses erinnert, tritt das Gebäude als dynamisches Zeichen in den urbanen Raum. Entlang der seitlichen Fassaden weicht der Eindruck des Gezackten dagegen einer betont weichen Formensprache, die an der östlichen Gebäudeecke in eine großzügige Rundung mündet. Die Verglasung der Fenster folgt der Biegung der Fassade und gibt dem industriellen Charme des Gebäudes eine subtile Brechung. Unterstützt wird dieser Eindruck vom Übergang zwischen Dach und Fassade, der nicht abrupt als klare Kante, sondern fließend mithilfe individuell gebogener Paneelen erfolgt. Der Werkstoff Zink bot hier gegenüber anderen Metallen den Vorteil, dass er vor Ort geschnitten und individuell angepasst werden konnte. Schließlich folgt jedes Paneel einer anderen Ausrichtung. Indem auf Schornsteine, Abzüge oder andere sichtbare Aufbauten verzichtet wurde, wird das kontinuierliche Zusammenspiel aus Fassade und Dach fortgesetzt.

Bewegung im Stillstand

Seine Wirkung entfaltet das Museum vor allem im Inneren, wo das extrudierte Dach die Besucher durch den tunnelartigen, rund 6.600 Quadratmeter großen Ausstellungsraum hindurch führt. Lichtbänder, die entlang der unteren Biegungen des Dachprofils verlaufen, unterstreichen den Eindruck von Bewegung. Die Exponate des Verkehrsmuseums – Lokomotiven, Oldtimer, Fahrräder, Schiffe – folgen der Ausrichtung des Dachs und sind dicht nebeneinander gereiht. Gerät der Parcours allein aufgrund der Höhe vieler Exponate zu einem Labyrinth, gibt die Decke Orientierung, in welche Richtung der Rundgang fortgesetzt werden kann. Ungewöhnlich zeigt sich ebenso die Farbe der Wände, die nicht in musealem Weiß, sondern in einem hellen Limettengrün gehalten sind. Dadurch erhält der Raum einen warmen Charakter und die Farbigkeit der technischen Exponate – darunter leuchtend rote Feuerwehrfahrzeuge, dunkelgrüne Straßenbahnen oder quietschgelbe Kutschen – ein zeitgenössisches Pendant.

Ein Teil des Ausstellungsrundgangs ist einer historischen Straße nachgebildet, die mit Fahrzeugen und Geschäften aus der Zeit um 1900 belebt ist. Auch wenn diese Attrappen zunächst reichlich absurd inmitten von Zaha Hadids Architektur wirken, ist dieser Abschnitt keinem nachträglichen Eingreifen der Ausstellungsdesigner geschuldet, sondern war – in Anlehnung an eine ähnliche Straße im alten Verkehrsmuseum von Glasgow – von Anfang an geplant. Vom Verlauf des zentralen Ausstellungsraums wurde dafür ein zusätzlicher Arm abgezweigt, dessen geschwungenem Grundriss die Häuserkulissen exakt folgen. Für die Besucher entsteht auf diese Weise eine Art Zeitkorridor, wenn sie aus der von Kutschen und antiquierten Vehikeln bevölkerten Straße auf den mittleren Teil der Ausstellung blicken, wo entlang einer frei im Raum hängenden Möbiusschleife historische und zeitgenössische Rennräder wirkungsvoll in Szene gesetzt werden.

Gepixelte Landschaft

Spielt vor allem Beton in Hadids bisherigen Gebäuden eine entscheidende Rolle, wurde die tragende Struktur des Riverside Museums vollständig aus Stahl konstruiert. Während die Fassaden sowie das Dach mit Paneelen aus Zink verkleidet wurden, kamen im Innenraum glasfaserverstärkte Paneele aus Gips zum Einsatz. Dass deren Oberfläche mit kleinen, punktförmigen Löchern übersät wurde, vermeidet unerwünschten Hall. Ebenfalls in die Wände eingelassen wurde die Lüftung, die sich als durchgehendes Band an beiden Seiten des Ausstellungsraums entlangspannt.

Teil des Projekts ist auch das 22.400 Quadratmeter große Grundstück, von dem das Gebäude selbst rund 11.300 Quadratmeter bespielt. Nach den Plänen der Edinburgher Landschaftsarchitekten Gross Max entstand eine Landschaft aus begrünten Hügeln entlang der Kurven des Gebäudes, die aus dem gepflasterten Boden herausbrechen. Der Übergang zwischen Rasen und versiegelter Fläche wurde fließend gehalten, indem die aus hellem Beton gefertigten Platten in lose gesetzte, quadratische Pflastersteine übergehen, zwischen denen das Gras emporwachsen kann. Der gepixelte Boden sorgt für einen klaren Kontrast zu den weichen Konturen des Gebäudes – ein Eindruck, der durch freistehende Kuben aus Beton, die künftig als Sitzunterlage oder Tische für die Besucher dienen sollen, noch gesteigert wird.
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