Kurvenschnitt

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Text: Katharina Horstmann
Foto: Kentaro Kurihara


Zentral gelegene Baugrundstücke sind rar und teuer in Japans Großstädten. Die Bauform des „kleinen Hauses“ wird hier seit Jahren auf spannende Art und in vielfältigen Varianten durchdekliniert. Die sogenannten Mikro-Häuser, auf Japanisch als „Kyo-sho-jutaku“ bekannt, können mitunter so kompakt sein, dass selbst ein Garten in ihnen Platz findet. Und zuweilen kompensiert auch ihre schnittige Form die kleine Größe, wie ein kurviger Friseursalon nach Plänen von Studio Velocity in der Stadt Nagoya zeigt.
 
 
Ein Blickfang: Das war der Ausgangspunkt für den Entwurf von Architekt Kentaro Kurihara von Studio Velocity. Denn das Grundstück hat zwar eine Größe von 80 Quadratmetern – was für japanische Großstädte wie Nagoya „groß“ ist – wird jedoch an drei Seiten von zwei- und dreigeschossigen Nachbarbebauungen eingegrenzt. Um zu vermeiden, dass der Neubau zwischen diesen „verschwindet“, wählte der Architekt für das Gebäude eine gebogene, einem Keil ähnliche Form, die diagonal zum Grundstück verläuft und die kleine Größe kompensiert. Dieser Körper nimmt vorrangig den hinteren Teil des Areals ein, da sich der Bauherr einen Parkplatz für zwei Autos wünschte, der groß genug sein sollte, um darauf zu wenden.
 
Drei Stufen
 
Betritt der Kunde durch die verspiegelte Eingangstür den 41 Quadratmeter großen, ganz in Weiß gehaltenen Friseursalon, findet er sich in einem langen gebogenen Raum wieder, in dem es keine Trennwände gibt. Dank unterschiedlich platzierter Fensteröffnungen trennt das menschliche Auge automatisch das Innere in drei Teile: einen Eingang sowie die Bereiche für die Haarwäsche und den Haarschnitt. Vom schmalen Eingangsbereich, der nur ein wenig breiter ist als die Eingangstür, „wächst“ der Salon graduell in Höhe und Weite. Je größer der Raum wird, desto größer scheint auch der Tageslichteinfall.
 
„Der Grad der Krümmung wurde durch zwei Faktoren bestimmt: die Möglichkeit, von einem Ende des Salons zum anderen blicken zu können und die Abfolge der graduellen Veränderungen, die auftreten, wenn man durch den Raum geht“, erklärt Kentaro Kurihara. Obwohl der komplette Innenraum auf einen Blick sichtbar ist, lassen sich beim Eintreten in den Raum kleine Details entdecken.
 
Rhythmische Raumführung
 
Im Eingang ist an der linken Wand in den Raum versetzt ein kleiner schmaler Empfangstresen aus Holz platziert, während links davon eine raumhohe Fensteröffnung eingelassen ist. Von hier aus gelangt der Kunde weiter in den Salonbereich; das Licht führt ihn dank fünf kleiner quadratischer Fenster – die auf der rechten Seite angeordnet sind und zum Hof mit Garten ausgerichtet sind – rhythmisch in das Innere. Zunächst folgt der Haarschnitt- und Stylingbereich mit vier großen, mit Holz umrahmten Spiegeln an der linken Wand, die jeweils ein Regal für Utensilien verbergen. Vor ihnen stehen klassische Bugholzstühle, die einen schönen Kontrast zum sonst schlichten Raum bilden. Weiter geht es zum Haarwäschebereich im hinteren Teil des Gebäudes, in dem zwei Waschplätze stehen. Über diesen befindet sich ein großes Dachfenster.
 
„Der Haarwäschebereich am hinteren Ende des Geschäfts hat am meisten natürliches Licht. Die Kunden können nach oben in den Himmel blicken, während ihre Haare gewaschen werden“, sagt Kentaro Kurihara und fährt weiter fort: „Wenn sie den Salon betreten, sehen sie den hellsten Punkt in der Distanz, der als Einladung dient, tiefer in den Raum zu treten.“ Ein guter Ausgangspunkt also, um den Alltag hinter sich zu lassen und die Haarkur zu genießen.
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