Lässigkeit & Grandezza

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Text: Norman Kietzmann

Schluss mit austauschbaren Bettenburgen! Ein Neun-Suiten-Hotel in Apulien geht in die umgekehrte Richtung und erweckt einen Familienpalast aus dem 19. Jahrhundert zu neuem Leben. Die Gäste können nicht nur Fresken und Mosaike bewundern, sondern ebenso eine eigens angelegte Kunstsammlung. 

In Gagliano del Capo scheint die Zeit einfach stehen geblieben zu sein. In den beschaulichen 5000-Seelen-Ort an der Südspitze Apuliens verirren sich bislang nur wenige Touristen. Genau hier hat 1861, im Gründungsjahr Italiens, der Kunstförderer Francesco Petrucci einen Palazzo erbauen lassen. Planung und Ausführung übertrug er dem Architekten Domenico Malinconico, der sich für einen neoklassizistischen Stil entschied und den Bau mit sechs Meter hohen Decken, einem zentralen Innenhof sowie einem großzügigen Garten versah. Auch fünf Generationen später befindet sich das Domizil in Händen der Familie. Jedoch hat es nun eine Reinkarnation als Hotel erlebt, genannt Palazzo Daniele.

Atmosphärische Grenzen
Es ist das zweite Hotelprojekt, das von Gabriele Salini umgesetzt wurde. Der gebürtige Römer hat 2015 in seiner Heimatstadt das Hotel G-Rough unweit der Piazza Navone eröffnet und sich nun mit Francesco Petrucci, dem Ur-Ur-Enkel des Palazzo-Erbauers in Gagliano del Capo zusammengetan. Die Renovierung oblag dem Mailänder Gestalterduo Ludovica und Roberto Palomba, das zwei konträre Dinge unter einen Hut brachte: aristokratische Opulenz und klösterliche Reduktion. Dazu gingen die Palombas der ursprünglichen Bausubstanz auf den Grund: Die Wände sind nicht glatt verputzt, sondern offenbaren tiefer liegende Farbschichten und verblichene Dekore. Darüber erheben sich Decken mit eindrucksvollen Fresken. Auch die mit Terrakottafliesen und Mosaiken ausgelegten Böden wurden wieder aufbereitet. 

Blick in den quadratischen Innenhof. Foto: Serena Eller 
Kalkulierte Kontraste 
Den Raumgrenzen fällt damit eine zentrale Rolle zu. Anstatt neutral im Hintergrund zu verbleiben, dienen sie vielmehr als atmosphärische Verstärker. Die Möblierung nimmt sich bewusst zurück. Ludovica und Roberto Palomba entwarfen für alle neun Suiten puristisch klare Betten und offene Garderobenschränke aus schwarzem Stahl. Als verbindendes Element kommen ebenso schwarze Nachttische, die die Betten beidseitig flankieren, zum Einsatz. Über jedem Tisch sind historische und heutige Schreibtischleuchten mit Schwenkarm an der Wand montiert. Sie dienen sowohl als flexible Leselichter als auch zur indirekten Raumbeleuchtung. Die Schirme werden zur jeweiligen Rückwand gedreht, die somit die Rolle eines Reflektors übernimmt und die Umgebung in ein angenehmes, warmes Licht taucht.

Herrschaftliche Maße
Enge ist im Palazzo Daniele nicht zu befürchten. Die sieben Junior und Royal Junior Suiten messen zwischen 25 und 45 Quadratmetern. Üppigere Maße bietet die 130 Quadratmeter große Master Suite, bei der sich zwei Schlafzimmer und zwei Bäder um ein großzügiges Wohnzimmer herum gruppieren. Einen gesamten Palazzo-Flügel bespielt schließlich das Suite Apartment mit einem Wohnzimmer, drei Schlafzimmern, drei Bädern, einer Küche, einem Esszimmer sowie einem separaten Eingang. Auf der Ostseite des Gebäudes steht den Gästen eine Sonnenterrasse mit einem neu installierten Pool zur Verfügung. Dazu kommt ein gemeinschaftliches Wohnzimmer mit Kamin, eine Dampfsauna, eine Bibliothek sowie ein Restaurant, wo Köchin Federica auch Kurse zur Orecchietteherstellung gibt – der Nationalpasta Apuliens. 
Der Salon dient zur Erschließung der Suiten. Foto: Serena Eller 
 
Lebendige Mixtur
Eine wichtige Rolle spielt im Palazzo Daniele die Kunst. Noch immer befinden sich zahlreiche Werke vor Ort, die 1861 für den Bau in Auftrag gegeben wurden. Dazu gesellen sich zeitgenössische Arbeiten von Mohamed Namous, Sergio Breviario, Eva Jospin oder Andrea Sala. An der Schnittstelle von Skulptur und Gebrauchsobjekt bewegen sich zwei Lightboxes von Simon d’Exea, die in den beiden Royal Junior Suiten an die Wand montiert wurden und die Rolle einer Leuchte übernehmen. Den Charme des Individuellen unterstreichen zudem zahlreiche Vintage-Möbel, die Gabriele Salini und Francesco Petrucci auf Antikmärkten in der Region gefunden haben. Sie geben den Gästen das Gefühl, in einem wirklichen Zuhause zu nächtigen – und nicht in einem austauschbaren Hotel.

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