Laminiertes Einfühlungsvermögen

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Text: Tanja Pabelick, Foto: Jill Tate

Ein einfühlsames Interieur wirkt nachweislich positiv auf kranke Menschen. Trotzdem sehen Kliniken oft abschreckender aus als jede Behörde. Es liegt an den strengen hygienischen Auflagen, argumentieren die einen. Es bleibt dennoch jede Menge Spielraum, beweisen andere. Wie gemütlich es tatsächlich werden kann, lässt sich im Umbau des Sheffield Children’s Hospitals erleben. Krankenhäuser sind traditionell so nüchtern gestaltet, dass der Ausdruck „klinisch“ mittlerweile für ein tristes und unterkühltes Interieur steht. Wer die Augen schließt, sieht Fliesen, flackernde Neonröhren und furniertes Buchenmobiliar. Wer sie allerdings zufällig im Sheffield Children’s Hospital wieder öffnet, bekommt eine quietschvergnügte Alternative serviert.

Zu verantworten hat diese Morag Myerscough. Die Britin trägt einen strengen weißen Kurzbob und hat ihr Studio in einem weiß gestrichenen Fabrikgebäude eingerichtet – alles Übrige aber findet ausschließlich in Farbe statt. Sie selbst trägt Gewänder in Blockfarben, an den Wänden ihrer Arbeitsräume hängen Präsentationsblätter mit Neonbuchstaben und Pastell-Akzenten. Myerscough ist eine Gestalterin, die keine Grenzen zwischen den Disziplinen zieht. Sie nutzt Raum in jeder Dimension für ihre Installationen und Inszenierungen zwischen Grafik, Pop-Art und urbaner Intervention.

Farbcode: Regenbogen
Einige Beispiele aus der letzten Zeit: ein gigantischer Wasserball in einem Londoner Kreisverkehr und krawallbunte Kräne in der Skyline von Greenwich Peninsula. Myerscoughs Umgang mit Farbe ist teilweise so kühn und plakativ, dass sie den Zuschauer unmittelbar in eine Comic-Szene teleportiert. Dieser Effekt macht die Gestalterin auch zur optimalen Besetzung für die Umgestaltung eines Kinderkrankenhauses. Denn wenn ein Ort gut daran tut, mit Fröhlichkeit von seiner Funktion abzulenken, dann eine medizinische Einrichtung. Es ist nicht Myerscoughs erste Klinik. Schon 2015 hat sie einen Flügel im Royal London Hospital mit Pinsel und Farbe einer Transformation unterzogen. Damals allerdings die Flure und den Empfangsbereich, während sie im neuen Sheffield Children’s Hospital die Patientenräume gestaltete. „Ich habe noch niemals Schlafzimmer gemacht. Eine großartige Herausforderung. Im Vergleich zu Korridoren oder öffentlichen Bereichen sind sie sehr komplex – erst recht in einer Einrichtung für Kinder, bei der besondere Kontrolleinrichtungen berücksichtigt werden müssen“, sagt sie.

Getarnte Technik
Das Projekt beinhaltet 46 Einzelzimmer und sechs größere Zimmer für Mehrfachbelegungen. Die räumliche Organisation stammt aus der Feder des Büros Avanti Architects. Sie versteckten viele der technischen Installationen; Steckdosen und Kabel verschwinden hinter Paneelen und lassen die Räume unmittelbar wohnlicher wirken. Speziell die von Myerscough geplante farbliche Neugestaltung wurde allerdings zu einer Hürde. Die Hygienevorschriften der Klinik schließen aus, dass die Grafiken direkt auf die Wände gemalt werden. Oberflächen müssen wischfest sein und zuverlässig zu sterilisieren. „Ich bekam die Vorgabe: Was immer ich auch machen will, ich muss es auf Laminat machen“, erklärt Myerscough. Eine Bedingung, die der Arbeit der Gestalterin eigentlich entgegenkommt. In vielen Projekten nutzt sie strukturiertes Holz als Basisebene für Siebdrucke mit kräftigen Farbflächen.

Laminiertes Artwork
Bei der Laminatproduktion wird eine Holzoptik auf Papier gedruckt, auf Platten aufgebracht und dann mit einer Schutzoberfläche versiegelt. Für die Paneele des Sheffield Children’s Hospitals sollte ihre Arbeit vor dem Finish in den Fertigungsprozess eingebunden werden. Mit dem von ihr eingesetzten Siebdruckverfahren, bei dem jede einzelne Farbe über ein eigenes Sieb aufgestrichen wird, scheiterte sie allerdings. „Wir stellten schnell fest, dass es mit unseren Methoden nicht funktioniert. Nach ein bis zwei Farbaufträgen löste sich unter der feuchten Farbe das Papier auf“, erzählt sie im Rückblick. Sie stieg von dem partiell analogen Verfahren komplett auf eine digitale Umsetzung um. „Am Ende haben wir die Holzmaserung eingescannt, das ganze Muster digital auf Papier gedruckt und laminiert. Wir haben es hinbekommen – es hat aber ein Jahr gedauert.“

Der Raum als Medizin
Auch bei der Farbpalette wich Myerscough von ihrer üblichen Handschrift ab. Die Nuancen sind kräftig, dazwischen mischen sich aber auch pudrige Töne. Um den Geschmack der Patienten zu treffen, ging sie den direkten Weg – und fragte nach. „Ich bin kein Experte, keine Krankenschwester und ich war auch noch nicht allzu oft im Krankenhaus. Kliniken sind sensible Orte. Als Künstler musst du zwar deine Vision im Auge behalten, aber zur gleichen Zeit solltest du dich auch um die Sorgen der Menschen kümmern. Es ist viel mehr eine Kollaboration als ein Kompromiss.“ Besondere Anforderungen stellen etwa Patienten mit Konditionen wie Autismus oder eine Abneigung gegen kräftige Farben. Deswegen hat Myerscough insgesamt vier Farbfamilien entwickelt, die sich wiederholen. Es ist aber dennoch kein ausschließlich auf Kinder ausgerichtetes Interieur geworden. Eltern, Ärzte und Pfleger sollen sich hier ebenso wohl fühlen. Über allem steht die Idee, dass auch die Architektur einen wichtigen Beitrag zur Heilung leisten kann. Morag Myerscough ist überzeugt von den positiven psychologischen Auswirkungen, die Farbe und Gestaltung auf die Gesundheit haben. „Niemand fühlt sich besser, wenn er einen tristen grauen Raum betritt. Dass das Interieur vermittelt, dass Leute an dich denken und sich um dich kümmern – das ist die Herausforderung. Es macht die Menschen glücklicher und lässt sie daran glauben, dass man ernsthaft daran arbeitet, dass es ihnen besser geht.“

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