Landidyll im Schuhkarton

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Text: Markus Hieke
Foto: Tom Janssens

Wie ein Neubau den reizvollen Dialog mit seinen alteingesessenen Nachbarn eingehen kann, zeigt das belgische Architekturbüro Open Y Office (OYO). In einem gewöhnlichen Dorf in Ostflandern, wo der Bestand teils hundert Jahre oder älter ist und wo der Wiederaufbau der Nachkriegszeit sowie heutige Neu-, Erweiterungs- und Umbauten sich zu einem architektonischen Patchwork verschränkt haben, realisierten sie ein Einfamilienhaus mit gleichermaßen Zeitgeist und Behutsamkeit.

House Cliv steht in Kleit, einem Ort, wie er unspektakulärer kaum sein könnte, wo die Uhren manchmal still zu stehen scheinen und wo man noch den Charme des ländlichen Idylls zu schätzen weiß. Das Dorf gehört zu Maldegem, einer Gemeinde mit knapp 23.000 Einwohnern. Kleine Kirche. Kleines Schloss. Praktisch ausschließlich Einfamilienhäuser. Ein wenig ab vom Schuss ist es nur per Auto und mit Zug gar erst vom Bahnhof der nächstgelegenen Stadt Brügge aus erreichbar. Ringsum liegt sumpfiges Flachland. Im Norden verläuft nur wenige Kilometer entfernt die Grenze zu den Niederlanden.

Nachjustierung möglich
Ziel der Architekten war es, dem Wunsch der Bauherren nach einem alternativen Ansatz mit industrieller Anmutung nachzugehen, den Bau aber ebenso sorgsam in das bestehende Wohnumfeld einzufügen. So konzentrierten sie sich äußerlich auf den Entwurf einer nüchtern segmentierten Hülle, in deren Innerem sich die Bewohner frei entfalten können. Wichtig war die Möglichkeit, das Eigenheim bei Familienzuwachs leicht anpassen zu können, wann immer es nötig wird. Hierfür wurde ein Konzept entwickelt, das den Bau mit einfachen Mitteln erweiterbar macht.

Beton im Backsteindorf
Von Außen wirkt der Bau wie ein betonierter Schuhkarton, der direkt an einen Altbau herangesetzt wurde. Auf zwei Etagen und mit teilweiser Unterkellerung bietet das Haus 180 Quadratmeter Gesamtwohnfläche, abzüglich der im Erdgeschoss integrierten Garage. Ihr Einfahrtstor wird, wie der gesamte Eingangsbereich im Erdgeschoss, von einer Fassadenbekleidung aus Holzleisten betont, während die restliche Außenwand in Sichtbeton gehalten ist. Orangene Metallleisten markieren ein weiteres Gestaltungselement des Hauses. Die Farbe stellt den Bezug her zu den Dachziegeln der benachbarten Häuser. Ein Aufbau aus schwarzem Metall – auf dem eigentlichen Flachdach – ahmt hingegen die Form der hier üblichen Mansard- und Satteldächer nach.

Pläne
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Offen wohnen
Die Räume des Hauses sind ihren Funktionen nach einfach und logisch strukturiert: So gelangt man straßenseitig von der Schwelle über einen schmalen glasüberdachten Flur am Rande des Gebäudes direkt in den einladend offenen Küchen- und Wohnbereich mit großem Esstisch. Im Gang befindet sich ein kleines Gäste-WC. Und dass die Garage auf der Rückseite der Wohnzimmerwand liegt, nimmt man allein deswegen nicht wahr, weil die großen Glasfenster die Aufmerksamkeit auf den kleinen, aber – dank Ausblick zu den charmanten Klinkerbauten nebenan – schönen Garten mit Terrasse lenken.

Schwebend ins Obergeschoss
Eine schwebend wirkende, orange lackierte Stahltreppe hebt sich strahlend von einer der Sichtbetonwände ab. Ihre hölzernen Tritte führen in das obere Stockwerk, dessen Fläche etwas kleiner ist als die des unteren. Hier befindet sich das Schlafzimmer der Bauherren – mit großem Panoramafenster und Terrasse. Mittig in der Etage schließt sich eine begehbare Garderobe an, die ringsum mit den bereits bekannten Holzleisten verkleidet ist.

Spa und Belebung
Auf der gegenüberliegenden Seite der Treppe befindet sich das innenliegende Badezimmer. Eine große Holzbadewanne vermittelt ein entspanntes Spa-Gefühl, während die abermals orangenen Fliesen für morgendliche Gemütsanregung und abendliche Entspannung sorgen. Eine offene Wand oberhalb der Wanne spiegelt die stets kommunikative Stimmung der Familie wider. Die eigentlich einzigen Rückzugsorte des so warmherzigen und zugleich etwas kühl ausgestatteten Hauses sind die beiden Kinder- beziehungsweise Gästezimmer der Familie: Sie schließen sich links und rechts des Bades an und liegen damit oberhalb der Garage.

Mit House Cliv fanden OYO einen unkonventionellen Weg, heutige  Bedürfnisse sowohl mit dem ländlichen Ortsumfeld als auch mit einer zeitgemäßen Idee von Ästhetik zu vereinbaren. Sie beweisen aber auch, dass ein aufgeschlossener Entwurf keinesfalls wie ein Neubau à la Einfamilienhauskatalog aussehen muss, um nicht das Budget einer jungen Familie zu übersteigen – und dem nicht zuletzt auch die Nachbarn einer älteren Generation wohlwollend zustimmen.

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