Lang lebe Lehm

17

Text: Tim Berge
Foto: Stamers Kontor

Ein Haus, das für die nächsten 50 Jahre wartungsfrei bleiben und dessen Lebenserwartung 150 Jahre betragen soll: Dass so ein Bauwerk nicht, wie hierzulande, in Styropor gehüllt ist, sondern aus Lehmziegeln besteht, kann wohl nur an seinem Standort liegen. Denn in Dänemark gibt es nicht nur ein großes Nachhaltigkeitsbewusstsein, man setzt dort vor allem auf bewährte Lösungen aus der Baugeschichte.  

Das Kopenhagener Architekturbüro Leth & Gori hat für die dänische Organisation Realdania eines von insgesamt sechs Wohnhäusern in Nyborg geplant: Das Projekt ist Teil der Initiative Mini-CO2, dessen Ziel es ist, kostengünstige Häuser mit einer niedrigen Kohlenstoffdioxid-Bilanz zu bauen. Für die Planer begann die Reise in die Zukunft mit einem Blick in die Vergangenheit: Traditionelle Materialien und Verarbeitungstechniken wurden aus den Archiven geholt und neu interpretiert. 

Material pur
Wie konzipiert man ein Haus, das fünf anstelle von zwei Generationen überdauern soll? Leth & Gori fanden die Antwort in den Werkstoffen Lehm und Holz: „Wir waren gezwungen, Materialien zu finden, die keinerlei Beschichtung benötigen“, erklären die Architekten die Herausforderung. Das 136 Quadratmeter große, eingeschossige Wohngebäude ist außen mit einer Lehmziegelfassade und innen mit größeren Blöcken – ebenfalls aus dem atmungsaktiven Stein – verkleidet. Die ökologischen Qualitäten des Materials führen das Haus nahe an die Vision eines „lebenden Gebäudes“, maximieren seine Lebensdauer und verbessern das Innenraumklima um ein Vielfaches.

Gut Holz
Zu den hell gebrannten Tonsteinen der Wände gesellt sich noch ein weiterer, vielseitiger Rohstoff: Auf dem Fußboden liegen großformatige Dielen, und das Giebeldach wurde im Inneren mit Sperrholzplatten verkleidet, die mit einer UV-Schutzschicht behandelt wurden, um ihren Farbton dauerhaft zu erhalten.

Zentrale Möbelachse
Die drei Schlafzimmer und das Bad gruppieren sich um einen gemeinschaftlichen Küchen-, Wohn- und Essbereich, der sich über raumhohe Schiebefenster zur umgebenden Landschaft hin öffnet. Um Platz zu sparen, wurde eine Einbaumöbelachse quer durch das Haus gelegt: Sie beginnt am Eingang mit einer Schuhablage und Ankleidebank, im Zentrum steht das Küchenobjekt, und den Abschluss bildet ein Arbeitstisch, der dem angrenzenden Schlafzimmer eine Bürofunktion hinzufügt. Die tiefer liegenden Rückwände sind in dunklem Anthrazit gehalten und ergänzen den Raum um einen spannenden Hell-Dunkel-Kontrast. Zur ehrlichen Architektursprache gehört außerdem, dass alle Leitungen und Schalter „aufputz“, also gut sichtbar, montiert wurden.

Haus mit Geheimnis
Das nach innen offene, steil aufsteigende Dach ist eine Reminiszenz an traditionelle dänische Wohnhäuser und verfügt natürlich auch über einen Nachhaltigkeitsaspekt: Der Wartungs- und Instandsetzungsaufwand ist bei dieser Form der Hausbedeckung am geringsten. Für Leth & Gori spielt außerdem eine dramaturgische Funktion eine wichtige Rolle: „Wer das Haus betritt, erwartet keine Raumhöhe von fast sieben Metern – es ist fast wie bei einem gut gehüteten Geheimnis.“ Und auch für eine gute Akustik ist gesorgt: In die Decke integrierte Schallschutzelemente sorgen für einen perfekten Klang im Inneren des Gebäudes, und auch die Lehmblöcke und der Kalkmörtel tragen zu einer geräuscharmen Atmosphäre bei. Das Gebäude überzeugt durch seine Verbindung aus alten Materialien und neuen Bautechnologien sowie den Qualitäten von guter Architektur und Handwerkskunst, die am Ende nicht nur umweltschonend und Kosten senkend, sondern auch lebensverlängernd wirken.

Weitere Artikel 13 - 25 von 44 Mobile Miniarchitektur Ein Elefant für den Gin Tonic 35 Quadratmeter Raumwunder Tetra Villa  Später Ruhm: Bauhaus-Neubau in Dessau Rostrotes Raster Ode an das Unfertige Tradition meets Modern: Villa in Chievo Kaktus und Konfetti Ein Wohnbau als Statement Sandrose in Doha Wohngerüst im Altbau-Loft

Portraits, Hintergrundberichte und Reportagen zum Zeitgeschehen im Designbereich.