Leben auf 10 mal 70 Meter: Loft in Barcelona

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Text: Tim Berge, Foto: José Hevia

Eine 700 Quadratmeter große, ehemalige Fabriketage als Wohnraum für nur eine Person? Das spanische Architekturbüro Arquitectura-G versuchte es erst gar nicht mit einem konventionellen Raumkonzept, sondern ging den Umbau der ehemaligen Schneiderei wie die Zähmung eines wilden Tieres an.

Spannendes und Neuartiges entsteht oft durch Zwänge. In Bezug auf neue Wohnformen können das die Verknappung von Raum oder auch steigende Mieten sein. Oder es ist, wie im Fall des Umbaus in der katalanischen Hauptstadt, das genaue Gegenteil: ein Zuviel an Raum. Bei der Transformation der ehemalgen Textilfabrik in einen Ein-Personen-Haushalt stand den Planern von Arqutectura-G eine Fläche mit den unglaublichen Maßen von 10 mal 70 Metern zur Verfügung. Um den ungewöhnlich proportionierten Raum in den Griff zu bekommen, mussten die Architekten Bereiche entwickeln, die einem angemessenen und menschlichen Maßstab entsprechen.

Strukturelle Offenheit ist das von Bauherr und Architektenteam erklärte Ziel. Der Ort soll seinen Charakter als kollektives und flexibles Raumgebilde bewahren und damit eine Brücke zwischen der früheren und der zukünftigen Nutzung schlagen. Die Gliederung der Etage durch abschottende Trennwände kommt deshalb nicht infrage. Anstelle von klassischen Wänden und Türen installiert Arqutectura-G eine Vielzahl unterschiedlicher Unterteilungen: Sofa, Tisch, Regal und zwei im rechten Winkel zueinander positionierte Wandscheiben. Keines der Objekte kommt mit den Außenwänden oder der Decke in Berührung, wodurch die visuelle Kontinuität erhalten bleibt.

Je weiter man in das lang gestreckte Geschoss vordringt, desto mehr nimmt die Privatsphäre zu. Hinter dem Eingang folgt ein studioartiger Bereich, der die An- und Ablieferung großer Objekte erleichtert und als Arbeitsort für mehrere Menschen dienen kann. Trotz der Offenheit schaffen die Architekten eine unsichtbare Grenze zwischen den privaten und den öffentlichen Räumen der Wohnung. Grund dafür sind zwei Terrassen, deren Glasfassade sie in die Etage hineinziehen und sie dadurch in drei Abschnitte gliedern. Gleichzeitig belichten und belüften die Außenbereiche das Apartment und schaffen Platz für kleine Gärten. Nach dem zentralen Wohnraum mt Küche und Bibliothek folgen – nach einer weiteren Verengung durch eine kleine Terrasse – das Schlaf- und das Badezimmer, die sich auf einer leichten Anhöhe befinden.

Der Minimalismus der Architektur setzt sich auch auf Materialebene fort: Neben den rauen Betonoberflächen von Decken und Wänden arbeiten die Planer mit nur zwei Farben, die sie auf drei unterschiedliche Texturen übertragen. Während der glatte Estrichboden und die Fliesen im Badbereich in ein helles Grün getaucht sind, erscheinen die Objekteinbauten, die mal mit Holz und mal mit Fliesen verkleidet sind, in einem natürlichen Braunton. Die Farbpalette betont den landschaftlichen Charakter der Architektur, die sich wie eine Parallelwelt in die Fabriketage ein’fügt. Dank der sensiblen Eingriffe glückt den Architekten die Zähmung des Raumes, ohne dass er seine Identität verliert. Im Gegenteil, durch das Zusammenspiel mit den fliegenden Einbauten findet er zu alter Stärke zurück.

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Haeberli