Leben auf allen Ebenen, aber niemals an der Wand lang

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Text: Tim Berge, Foto: Shinkenchiku-sha

Eine unscheinbare Blechkiste nimmt ein radikales Wohnkonzept auf. Dieses wunderbar eigentümliche Architekturexperiment in Osaka vom Studio Tato liefert ein introvertiertes, aber in seinem Inneren vollkommen offenes Volumen ohne Wände.

Es ist eine sehr japanische Wohnform, die das Haus seinen Bewohnern offeriert: beinahe exhibitionistisch in seinem Inneren, verschlossen nach außen. Die Auftraggeber, eine dreiköpfige Familie, wollten einen Ort ohne Privaträume, einen Ort, in dem sie sich zu jeder Tages- und Nachtzeit nahe beieinander fühlen könnten. Und genau das haben sie bekommen: ein Haus, ein Raum.

Außen
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Elementar anders
Parkhäuser und Apartmentblocks bilden das Umfeld des Wohnhauses in Osaka, und es ist zu erwarten, dass die Nachbargebäude in den kommenden Jahren durch weitaus höhere ersetzt werden. Das in Kobe ansässige Architekturbüro Tato wollte den Neubau gegen diese Entwicklung absichern und entwarf ein kastenförmiges Volumen mit einer hellen Blechfassade, die gar nicht erst versucht, eine Verbindung zwischen außen und innen herzustellen. Überhaupt wirkt das gleichmäßige Fensterraster wie eine Tarnung, die suggerieren soll, dass das Gebäude sich architektonischen Standards unterordnet – erst, wenn man es betritt, offenbart das Haus sein zweites elementar anderes Gesicht.

7 Meter, 13 Ebenen
Offen: Anders lässt sich der Innenraum des Wohnhauses nicht beschreiben, denn Wände oder andere Einbauten gibt es nicht. Dafür existieren umso mehr Treppen und Ebenen, die wie bei einem überdimensionalen Regal in das ansonsten leere Volumen des Hauses eingeschoben wurden und es gliedern. Insgesamt 13 Plattformen schrauben sich in gleichmäßigen Abständen und auf zwei Stränge verteilt, spiralförmig vom Bodenniveau bis unter die 6,9 Meter hohe Decke. Je weiter man sich nach oben bewegt, desto privater werden die Minietagen.

Innen
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Die in ihrem Inneren vollkommen offene Gebäudestruktur ist eine exakte architektonische Analogie des Bauherrenwunsches nach einem Leben in kollektiver Privatsphäre. Und auch die Einrichtung folgt den räumlichen Vorgaben: Viele Möbel finden sich wie von einer heimlichen Zentrifugalkraft nach außen gedrängt, während das Zentrum des Hauses leer bleibt. So bietet der Neubau eine perfekte Echokammer für den Alltag seiner Bewohner – jedes Ereignis wird unmittelbar und ungefiltert geteilt. Ein Wohnexperiment, das in seiner Radikalität nur in Japan denkbar ist.


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