Lernen vom Langhaus

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Text: Julia Bluth
Foto: Andrew Lee

Skye, die zweitgrößte Insel der schottischen Hebriden, ist ein wahres Naturparadies mit windumtoster Steilküste, Bergen und einsamen Seen. Hier haben sich die Architekten von Dualchas niedergelassen, um moderne Gebäude zu entwerfen, die sich – anders als die in der Region weit verbreiteten Fertighäuser – harmonisch in die ursprüngliche Landschaft einfügen. Inspiration finden sie in der uralten Form des keltischen Langhauses, dessen außergewöhnliche Klimatauglichkeit und Energieeffizienz sie in die Gegenwart übertragen. Ihr jüngstes Projekt: das Cliff House am Loch Dunvegan.

Das Grundstück liegt im Nordwesten von Skye auf einer Klippe oberhalb des Loch Dunvegan. Im Nordosten bietet es eine spektakuläre Aussicht über das Wasser, im Südwesten fegen die typisch harschen Winde des Archipels. „Um mit den Standortbedingungen optimal umzugehen, besteht das Gebäude aus zwei kubischen Baukörpern; einer geschlossen, der andere offen“, erläutert Projektarchitekt Daniel Bär. „Ersterer dient als Servicetrakt, um die offenen Haupträume zu versorgen. Zusammen bilden sie einen Ort, der Schutz und Privatsphäre bietet und trotzdem den Fokus auf die Umgebung legt.“

Das Langhaus-Prinzip
Das Cliff House ist zwar von Grund auf modern, doch einige Charakteristika verbinden es mit seinen keltischen Vorbildern. So übernahmen die Architekten die geduckte, zur Windseite geschlossene Bauweise ebenso wie die effiziente und sparsame Konstruktionsart. „Vom Langhaus zu lernen, bedeutet für uns, alte Materialien durch neue zu ersetzen und Modernität ins Spiel zu bringen“, erklären sie, „Holzfachwerk ist dabei die geeigneteste Konstruktionsart, da es billig sowie einfach und schnell zu bauen ist – essenzielle Eigenschaften im unberechenbaren Wetter Schottlands. Energieeffizienz entsteht nicht nur durch die geschickte Positionierung des Hauses, sondern auch durch die Nutzung einer 150 Millimeter dicken Ständerwand, die Raum für mehr Isolierung bietet.“ Die nach Südwesten ausgerichtete Stützwand des Cliff House besteht aus grauem Caithness-Stein, während der offene Baukörper mit wetterresistentem, silbrig verwitterndem Lärchenholz verkleidet wurde. Die verglaste Nordostfassade ermöglicht passive Solarnutzung und eröffnet einen atemberaubenden Blick auf Loch Dunvegan sowie die umliegenden Hügel.

Im Inneren
Von der spektakulären Aussicht profitieren der geräumige Wohnraum mit gusseisernem Holzofen sowie die beiden Schlafzimmer. Im angrenzenden Bereich, dem geschlossenen Baukörper, befinden sich die Toiletten, das Badezimmer sowie die moderne Küchenzeile. Da beide Baukörper sowohl unterschiedlich in der Länge als auch in der Höhe sind, entstanden Zwischenräume, die die Architekten mit Glas verschlossen haben. So eröffnen sich diverse kleine Ausblicke auf das Haus und seine Umgebung. Die Abstände zwischen den herausragenden Dachsparren wurden ebenfalls verglast, sodass zusätzliches Tageslicht in den weißen Wohnraum fällt. Der polierte Betonboden scheint nahtlos in die Wiese hinter der großzügigen Fensterfront überzugehen. Die reduzierte Einrichtung lässt die Natur zum Hauptakteur werden.

Grundriss und Schnitt
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In Harmonie mit der Umgebung
„Leben ist eine Entscheidung, die auch durch die Wahl des Ortes bestimmt wird“, so Daniel Bär. „Dieses Wohnhaus sehe ich als Antwort auf die Frage, wie die Qualität eines Ortes in zeitgenössische Architektur übersetzt werden kann.“ Der Architekt hat guten Grund, zufrieden zu sein: Das in grüne Wiesen eingebettete Cliff House fügt sich in seine Umgebung, als wäre es schon immer da gewesen und ermöglicht seinen Bewohnern, die Schönheit der Landschaft auch im Inneren zu genießen. Es bietet nicht mehr und nicht weniger als den perfekten Rahmen für ein Leben inmitten dramatischer Natur.

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