Limbo an der Pforte

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Text: Norman Kietzmann
Foto: Hiroshi Ueda


In einer Vorstadt von Osaka entwarf der japanische Architekt Keisuke Maeda ein Wohnhaus für einen Puppenbauer und seine Familie, das von gestapelten Schachteln partout nichts wissen will. Indem die Fassade in horizontalen Rahmen nach außen tritt und die umliegenden Bäume umschließt, wird die Grenze zwischen Architektur, Grundstück und öffentlichem Raum aufgelöst.


Hofhäuser haben in Japan eine lange Tradition. Auch wenn das dortige Raumverständnis auf einem fließenden Übergang zwischen Wohnraum und Garten basiert, sind es dennoch blickdichte Mauern, mit denen in der Stadt die Grenze zur Straße gezogen wird. Ein Prinzip, das eine neue Architektengeneration zunehmend in Frage stellt und die Grenzen zwischen öffentlichem und privatem Raum gehörig durcheinander wirbelt.  

Wie dieser Prozess gelingen kann, zeigt der Architekt Keisuke Maeda mit einem Wohnhaus für einen Puppenbauer und seine Familie in Minoh, einer 130.000-Einwohner-Vorstadt im Norden von Osaka. Das Gebäude ist alles andere als ein verschlossener Solitär: Es spielt mit den Blickachsen von der Straße oder den Grundstücken der Nachbarn und führt sie zugleich an der Nase herum. Denn trotz einer weitestgehenden Öffnung der Wohnräume zum Tageslicht sind intime Einblicke ins Leben der Bewohner ausgeschlossen. Der Grund: Durch die Überlagerung stählerner Sichtblenden wird das Haus von Räumen umschlossen, die wie ein Filter zwischen Drinnen und Draußen, Wohnraum und Straße dienen.

Vier gestapelte Volumen

Um das Konstruktionsprinzip des Hauses zu demonstrieren, stapelt Keisuke Maeda vier schwere Bücher übereinander. Der 1974 in Hiroshima geborene Architekt hat das Büro UID Architects 2003 in seiner Heimatstadt gegründet und sich seitdem vor allem mit raffinierten Wohnhäusern einen Namen gemacht. Während das unterste und schwerste der Bücher den Sockel bildet, werden die drei darüber liegenden zu den Seiten verschoben. Übertragen auf das Haus des Puppenbauers von Minoh, rücken die Volumina bis dicht an die Grenzen des Grundstücks heran. Ausgeführt wurden die drei Körper im realen Bauwerk jedoch nicht als geschlossene Schachteln, sondern als viereckige Rahmen aus Stahl. Überzogen mit einer weißen Farbschicht, ragen diese aus der Mitte des Hauses heraus und umschließen die Bäume und übrige Vegetation des Grundstücks wie schwebende Klammern.   

Ein wenig wirken die Aufrisspläne des Hauses, als seien die offenen Grundrisse einer Mies-van-der-Rohe-Villa aus der Horizontalen in die Vertikale verdreht worden. Indem die metallenen Rahmen auf Augenhöhe über den Boden gehoben wurden, schützen sie vor direktem Blickkontakt, ohne das Gebäude zu verriegeln. Während die Passanten von der Straße somit durchaus in den Garten blicken und von Zeit zu Zeit auch die Füße der Bewohner erkennen können, bleiben die Wohnräume durch eine Überlagerung mindestens zweier Blenden verschlossen. Eine keineswegs einfache Aufgabe für die Architekten, schließlich mussten sämtliche Perspektiven genau berechnet werden, aus denen das Haus vom öffentlichen Raum als auch den Fenstern der umlegenden Häuser ins Blickfeld gerät.

Sportliche Herausforderung


Wer das Haus betreten möchte, muss eine bogenförmige Rampe passieren. Zuvor gilt es jedoch die vorderste Blende zu überwinden, die unmittelbar mit der Grundstücksgrenze zur Straße abschließt und rund 1,2 Meter über dem Boden schwebt. Den Bewohnern und ihren Gästen stehen zwei Optionen zur Auswahl: Entweder sie öffnen eine bündig in den Metallrahmen eingelassene Tür, um den Kopf und Oberkörper nicht einziehen zu müssen. Oder sie zeigen sich von der sportlichen Seite und absolvieren einen gewagten Limbo-Tanz unter die Blende hindurch und tragen somit zugleich zur Unterhaltung der Nachbarn bei.

Am Ende des bogenförmigen Weges folgt ein zentraler Korridor, der das Gebäude mittig durchschneidet. In der vorderen Hälfte liegt der Arbeits- und Ausstellungsraum des Puppenbauers, der durch eine rahmenlose Verglasung zu allen Seiten geöffnet wurde und vom Tageslicht durchströmt wird. Die eigentlichen Wohn-, Schlaf- und Esszimmer sind in der hinteren Grundstückshälfte angeordnet und werden – in Anlehnung an traditionelle japanische Wohnhäuser – von einem Gang umschlossen, der von einer weiteren, dem Gebäude vorgelagerten Stahlblende gebildet wird.  

Beständige Transformation

Insgesamt 151 Quadratmeter Wohnfläche bietet das Haus, das zugleich einen Anstieg des Grundstücks um 1,2 Meter vom Straßenniveau bis zur Rückseite des Grundstücks überwindet. Die Vorgaben der Bauherren waren klar gesetzt: 60 Prozent des Grundstückes sollen bebaut und mindestens zehn Prozent mit Bäumen bepflanzt werden. Durch den Einsatz der stählernen Rahmen konnten die Architekten einen Hybrid aus beiden erzeugen, da das Gebäude mit der Vegetation unmittelbar verschmolzen ist.

Und noch einen Effekt bewirkten die auskragenden Blenden: Je nach Sonnenstand wachsen ihre Schatten über die Grundstücksgrenze hinaus und erobern Raum von der Straße und geben ihn schließlich wieder frei. Die Architektur ist auf diese Weise nicht nur einer ständigen Transformation unterworfen. Sie dient zugleich als Transmitter zwischen der Stadt und ihren Bewohnern.
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