Low Budget Love

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Text: Jana Herrmann

Wieder Eiffelturm, Louvre und Seine-Bootsfahrt? Oder doch mal Höllenritt, Bollywood, Kamasutra und Folterkammer? Das Love Hotel Paris bietet ein erotisches Kontrastprogramm nach japanischem Vorbild. Wir haben die neue Sehenswürdigkeit in der Stadt der Liebe besucht. Und Rollläden, Plastikfolie und stabile Betten gefunden.

Während in Japan die Stundenhotels eine gesellschaftliche Institution und sogar in Wohngegenden zu finden sind, befindet sich das einzige Love Hotel Frankreichs in der rue Saint-Denis, dem ältesten Straßenstrich von Paris. Wer dort zurückziehen möchte, sollte nach der Hausnummer 88 und nicht nach einem klassischen Hoteleingang Ausschau halten. Denn das Etablissement befindet sich in der zweiten Etage des Club 88, dem mit insgesamt 2500 Quadratmetern größten Erotiktempel Europas. Auch die Rezeption erinnert eher an Sexshop als an Pariser Romantik: Junge Damen empfangen die Love Hotel-Kunden vor einem riesigen Regal mit frivolem Spielzeug für Erwachsene.

Ort ungestörter Intimität
„In der Tat hat diese Atmosphäre anfangs viele potenzielle Kunden abgeschreckt”, räumt Joris vom Love Hotel ein. „Zudem hat ein stündlich zu mietendes Hotel in Europa immer noch etwas Anrüchiges. In Japan dagegen gehört der Besuch eines Stundenhotels  zum gesellschaftlichen Leben wie der Gang ins Büro, weil es für viele Paare der einzige Ort ungestörter Intimität ist. Deswegen mussten wir hier unseren Kunden von Anfang an etwas Besonderes bieten”.

12 Kammern, von Romantik bis Hardcore
Jeder der insgesamt 12 sogenannten Love Rooms ist ein anderes Reich. Während der erste Raum wenig überraschend im japanischen Stil dekoriert ist, laden die daneben liegenden Zimmer zu einem Ausflug nach Afrika, in den Orient oder nach Venedig ein. Kitschiges Flurlicht unterstreicht die suggestive Romantik. Der gegenüberlegende Trakt ist dagegen in düsterem Schwarz gehalten, und auch die plüschigen Samtsessel sowie die Bilder der Erotikkünstler Atsushi Tani und Julian Murphy lassen eine härtere Themengangart erahnen.

Geteilter Spaß ist doppelter Spaß
Tatsächlich befinden sich hier die Sado-Maso-Kammer mit Lederpeitsche und Raubtierkäfig, das Kamasutra-Zimmer mit Bollywood-Feeling, ein Spiegelsaal für Voyeure und der Psychedelic-Raum für Grafik-Fetischisten. Ganz neu im Angebot ist das durch zwei Rollläden getrennte Doppelzimmer Himmel und Hölle. Es richtet sich an Menschen, die im Love Hotel sehen und gesehen werden wollen. Fahren die Gäste der sich gegenüberliegenden Zimmer ihren jeweiligen Rollläden hoch, trennt das Treiben nur noch eine simple Glasscheibe…

Kulissenhafter Low-Cost Stil
Aufgrund der steigenden Nachfrage werden 2014 fünf weitere Zimmer in Betrieb genommen werden. Konstruiert werden sie nach demselben Prinzip: Alle Mittel dienen dem Zweck, Kitsch und Originalität kommen vor Ästhetik und Qualität. Die Betten sind stabil gebaut und die Wände so gut wie möglich isoliert. Auf die Basismaterialien Holz und Beton werden günstige Thementapeten und abwaschbare Plastikfolien geklebt. Gedämpftes Licht kaschiert Abnutzungserscheinungen und Gebrauchsspuren.

Anonym und diskret
Das Pariser Love Hotel ist im Low-Budget-Stil gebaut und entspricht im Zweifel noch nicht einmal dem Qualitätsstandard eines einfachen deutschen Hotels. Da es jedoch kein Ort zum Verweilen, sondern allein für das körperliche Vergnügen ist, ist das Konzept aber anscheinend unter wirtschaftlichen Aspekten sinnvoll. Auf das körperliche Vergnügen konzentriert sich auch die Inneneinrichtung: In jedem der zwischen zehn und 15 Quadratmeter kleinen Zimmer gibt es ein Doppelbett, Spiegel und eine Duschkabine mit Handtüchern und Pantoffeln. Nach japanischem Vorbild findet sich nirgends ein sichtbares Fenster, um den Kunden das Gefühl von Anonymität und Diskretion zu vermitteln.

Zwei Stunden Auszeit
Aber bleibt bei so direkter Offensichtlichkeit nicht die Lust auf der Strecke? „Wir bieten unseren Kunden eine große Palette von sogenannten Hilfsmitteln”, erklärt Joris. „Sie haben die Auswahl zwischen unzähligen Musik- und Pornokanälen oder Sextoys aus unserem Shop. In der Regel nehmen sich die Leute Zeit. Die meisten Zimmer werden für zwei Stunden gebucht.” Das Konzept scheint jedenfalls tatsächlich ein breites Publikum anzusprechen. Die Kunden sind zwischen 18 und 70 Jahre alt. In der Mittagszeit nutzen Büroangestellte das Love Hotel, und abends lassen junge Paare dort den Abend ausklingen, ehe sie getrennt in ihr jeweiliges Elternhaus zurückkehren. „Neulich kam sogar ein frisch vermähltes Pärchen direkt vom Standesamt zu uns. Und unsere treuesten Kunden ist ein Paar in den Sechzigern, das dank Love Hotel auch nach über 40 Jahren Ehe noch ein aufregendes Liebesleben hat”, erzählt Joris.

Geheimtipp offensiv
Wie auch immer: Wer auf offensive Erotik steht, wird den Club 88 und sein Love Hotel mögen. Sei es für ein für ein Schäferstündchen à la japonaise, einen ausgefallenen Souvenirartikel oder den ultimativen Paris-Geheimtipp, von dem die Daheimgebliebenen garantiert noch nie gehört haben und vielleicht auch niemals hören wollten.

Alle Beiträge aus unserem großen Japan-Themenspecial lesen Sie hier.

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