MVRDV: Büro im Rohbau

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Text: Jeanette Kunsmann, Foto: Ossip van Duivenbode

Schon vor zwanzig Jahren haben MVRDV mit der Villa VPRO einen neuen Maßstab für den Open Space gesetzt. In Amsterdam bringen die Niederländer jetzt mit Salt neue Arbeitsräume mit Rohbaucharme in den Hafen. Adressiert ist der Neubau an kleine bis mittelgroße Kreativunternehmen, die momentan kein passendes Büro mehr finden können.

Die Kultur- und Kreativwirtschaft ist ein Business, das in punkto Umsatz mit anderen Branchen in der Regel nicht mithalten kann und somit auch bei der Suche nach Büroflächen selten konkurrenzfähig ist. Auch in Amsterdam haben kleinere und mittelgroße Unternehmen kaum mehr eine Chance, ein Büro zu finden. Da trifft es sich gut, dass das städtebauliche Entwicklungsgebiet Minervahaven nordwestlich des Amsterdamer Hauptbahnhofs in einen Creative Hub umgewandelt werden soll. In einer zweiten Phase wird nach 2030 auch der Wohnungsbau auf dem Areal gestattet. Schon diesen Sommer bringt Salt als einer der ersten Bürokomplexe etwas Leben in den ehemaligen Hafen.

Loftcharakter und Hafenblick

Das Team von MVRDV hat dafür einen schlichten Betonkubus entworfen, der zunächst etwas rigide wirken mag. Im Vergleich zur Villa VPRO fehlt irgendwie Schwung in dieser Bürolandschaft. Bei genauerer Betrachtung entdeckt man, dass der Kubus wie ein Bühnenbild nur über eine Ecke gebaut wurde – nur zwei Seiten haben eine geschlossene Länge von 30 Metern, die Südfassade öffnet sich mit durchgehenden Terrassen nach außen. Auch folgen die quadratischen Fenster keinem Raster, sondern wurden mit jeweils unterschiedlicher Sprossenaufteilung wie zufällig auf der Fassade platziert.

Das eigentliche Highlight verbirgt sich im Inneren von Salt. Das Treppenhaus, das alle fünf Geschosse miteinander verbindet, haben Winy Maas, Jacob van Rijs und Nathalie de Vries als eine aufsehenerregende Raumskulptur gestaltet. Wie auf einer Bühne schichten sich die einzelnen Holzfronten etagenweise hintereinander zu einer spektakulären Bergkulisse in die Höhe und da ist sie dann: die Landschaft!

Die Büros hingegen wirken unfertig. Der Gedanke dahinter, einen loftähnlichen Raum ohne Deckenverkleidung und mit freiliegender Belüftung
zu schaffen, richtet sich speziell an die Nutzer aus der Kreativbranche. Dennoch ist das Finish von architektonischer Wertigkeit, wie die perfekt verputzten Sichtbetonwände beweisen.

Die flexiblen Arbeitsräume werden als Mietflächen angeboten, die entweder aus einer ganzen Etage bestehen oder sich auch in kleinere Einheiten unterteilen lassen. On Top wartet ein privater Dachgarten, der nicht nur einen Rundumblick über den Amsterdamer Hafen bietet, sondern als sozialer Treffpunkt für einen Austausch der verschiedenen Mieter und deren Mitarbeiter dienen soll. Von dort aus kann man die nächsten Jahrzehnte in der Mittagspause sicherlich auch gut beobachten, wie sich das gesamte Gebiet verändern wird. Bis zum Schluss auch Wohnungen gebaut werden – welche ja bekanntlich als wahres Salz in der Suppe der Stadtentwicklung erst für den richtigen Geschmack sorgen.

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