Marmor in der Galaxie: Das Cafe Ròmola in Madrid

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Text: Jeanette Kunsmann, Foto: Miguel de Guzmán & Rocío Romero

Dass dieses Café in Madrid einmal eine Garage war, vermutet man heute nicht mehr. Andrés Jaque übt sich in der Aufhebung der Schwerkraft.

Theorie trifft Ästhetik und Leben. Die Konzepte des spanischen Architekten Andrés Jaque folgen stets einem gewissen Geist, der sich kaum kopieren lässt. Vielleicht weil er einfach purer Zufall sein könnte? Oder weil er vielfältigste Erlebnisräume abseits des Alltags schafft? Auf jeden Fall spielen diese klugen Fantasien außerhalb jedes Rasters: Jaques Architektur hat eine eigene Sprache.

Mitten im Zentrum von Madrid hat sein Office for Political Innovation gerade einen Umbau fertiggestellt, der zunächst eine Liebeserklärung an die Schönheit der Oberfläche ist. Goldverchromtes Metall, schweres Leder und jede Menge polierter Marmor bestimmen das Bild, besser gesagt: Setting. Als eine Art Zwitter aus Restaurant und Bäckerei wirkt das Ròmola wie ein Experiment aus einem Arthouse-Film. Fehlen die Menschen, könnte es auch eine begehbare Kunstinstallation sein.

Diese künstliche Grotte ohne doppelten Boden, aber mit doppelter Decke muss man in all ihren Ebenen sehen. Erstens ist es ein nüchterner Umbau, wobei der Bestand aus dem Jahr 1943 und aus der Feder des spanischen Baumeisters Luis Gutiérrez Soto (1890–1977) stammt. Zwischen Art déco und Rationalismus, Expressionismus und Funktionalismus positioniert, könnte man dessen Bauten mit dem Werk eines Otto Wagner, Bruno Taut oder Hans Poelzig vergleichen. Faul war er nicht, allein über 400 Gebäude hatte Gutiérrez Soto bis Mitte der Siebzigerjahre in Madrid realisiert: eine ordentliche Sammlung aus gebautem Widerspruch auf der Suche nach Schönheit und Moderne.

Zweitens übersetzt das neue Interieur theoretische Konzepte in eine Realität, ohne dabei drittens: auf eine ungewisse Fantasie zu verzichten. Bei Letzterem spricht der Architekt von sogenanntem „supermarble“, also Supermarmor, um der Schwerkraft zu widerstehen, womit man letzten Endes bei einer Art Eskapismus landet, in dessen Spiegelbild der Alltag verschwindet.

Wichtig wäre noch zu erwähnen, dass Andrés Jaque sein Café Ròmola ganz aus der Tradition lokalen Handwerks entwickelt hat und sich somit gegen die uncharmanten, technokratischen Neubauten wendet, die seit 2008 überall in Madrid entstehen. Hierfür haben die Architekten eng mit einer kleinen Anzahl von Marmor-Manufakturen, Lederpolsterern, Schlossern, Tischlern, Lackierern und anderen Handwerkern zusammengearbeitet. Die Liebe zu schönen Oberflächen erfordert auch eine Liebe zum Detail und zur Verarbeitung. Damit ist Ròmola nicht nur als Widerstand gegen die Schwerkraft, sondern auch als Abwehr von sparsamer Antiarchitektur zu verstehen. Der Architekt muss dazu seine Auftraggeber nur von einer lohnenden Investition in die Zukunft überzeugen.

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