Massagen und Juwelen

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Text: Norman Kietzmann

Inmitten der Mailänder Innenstadt hat Antonio Citterio ein unscheinbares Gebäude aus den 1950er Jahren in die luxuriöseste Adresse der Stadt verwandelt: das Bulgari-Hotel in der Via Gabba. Für einen bleibenden Eindruck sorgt dabei nicht nur die unaufdringliche Eleganz des Interieurs, sondern auch der idyllische Garten, der abgeschirmt vom hektischen Straßenlärm zu einer Insel der Ruhe wird. Es ist vor allem auch das Spa im Untergeschoss des Hotels, das sich zu einer festen Anlaufstation der Mailänder Gesellschaft entwickelt und den guten Ruf des Hauses maßgeblich beeinflusst hat.
Waren es früher noch Parfum-, Kosmetik- oder diverse Accessoire-Kollektionen, mit denen die Luxusmarken der Masse auch für sie erschwingliche Produkte boten, steht nun ein ganz neues Terrain auf dem Programm: Designhotels mit angeschlossenem Wellnessbereich. Als erster Juwelierhersteller hatte das römische Traditionshaus Bulgari die Gunst der Stunde erkannt und einen exklusiven Hotelableger ins Leben gerufen, der nach dem Auftakt in Mailand im Jahr 2004 gleich zwei Jahre später eine zweite Dependance auf Bali eröffnete. Was auf den ersten Blick ein wenig ungewöhnlich für einen Juwelier erscheint, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als ein überaus kluger Schachzug von Bulgaris Marketingstrategen. Denn auch wer viel Geld besitzt, kauft sich nicht jede Woche ein teures Schmuckstück in einem der weltweit 194 Shops des Unternehmens. Mit dem Hotel in der Via Gabba ist es Bulgari jedoch gelungen, sich zumindest in Mailand in das soziale Leben der Stadt auf wohl kalkulierte Weise zu verankern. Schließlich bietet ein Hotel nicht nur Zimmer zum Übernachten, sondern ebenso ein Restaurant, eine Bar, ein Café und nicht zu vergessen ein luxuriöses Spa, in dem man sich regelmäßig verwöhnen lassen kann. Für viele Geschäftsleute ist das Bulgari bereits jetzt zur ersten Adresse für wichtige Businessmeetings geworden und auch die Mailänder Jeunesse dorée schwört längst darauf, den Abend mit einem „aperitivo“ im Garten des Hotels einzuläuten.
Mondänes Refugium
Der Erfolg des Hauses ist dabei aber nicht nur allein dem bekannten Namen seines Betreibers zu verdanken, sondern ebenso dem stilsicheren Gespür von Antonio Citterio. Der Mailänder Architekt und Designer hat dem Hotel die richtige Mischung aus mondäner Bühne und privatem Refugium verliehen, um selbst bei den verwöhnten Milanesi einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Das Interieur mit seinen warmen erdigen Ockertönen wirkt einladend und durch den Kontrast mit Schwarz spannungsvoll akzentuiert. Es kommen fast ausschließlich natürliche Materialien wie Eiche, Teak, Marmor oder Granit zum Einsatz - sie ziehen sich durch das gesamte Interieur des Hauses. Citterio hat insbesondere auf die haptische Qualität der verwendeten Materialien großen Wert gelegt: Diese wirken nie glatt oder abweisend, sondern verleiten eher zum Berühren. Die eigentliche Attraktion des Hotels liegt auf der zur Straße abgewandten Seite, wo einer der schönsten privaten Parks von Mailand gelegen ist und der ein Stück Ruhe inmitten des belebten Zentrums rund um die Via Montenapoleone bietet.
Insel der Ruhe
Angelegt im Jahr 1774 für Studenten der Medizin und der Pharmazie, beherbergt der Garten auf 4.000 Quadratmetern noch heute zahlreiche exotische Pflanzen aus der Zeit Napoleons. Der gesamte öffentliche Bereich des Hotels im Erdgeschoss mit Restaurant, Bar und Café ist zur Parkseite hin orientiert und kann im Sommer großzügig geöffnet werden. Und auch von der Lobby fällt der Blick sofort in den Garten, sobald man die große Drehtür mit ihrem Bronze-Dach passiert hat. Citterio steigert die Wirkung noch, indem er das Erdgeschoss fast durchgängig mit schwarzem Granit und dunklem burmesischen Teakholz gestaltete. In seiner zurückgenommenen Farbigkeit bildet es einen eleganten Rahmen für das Grün des Rasens und der Bäume. In den Zimmern bestimmen vorwiegend warme Ockertöne das Bild und kontrastieren mit Möbeln aus schwarzer Eiche und schwarzen Teppichen. Auch in den Bädern wird das Farbkonzept durch die Kombination aus schwarzem Zimbabwe-Marmor und beigefarbenem Navona-Travertin fortgesetzt.
Schmuckstück in Ocker und Smaragdgrün
Konnten die öffentlichen Bereiche im Erdgeschoss sowie der Großteil der 52 Zimmer zum Garten geöffnet werden, musste Citterio für das Spa im Untergeschoss eine andere Lösung finden, da es gänzlich vom Tageslicht abgeschottet ist. Die Farbpalette wird hier um ein Smaragdgrün erweitert, das für raumhohe gläserne Paneele sowie für die Mosaiksteine am Grund des zentralen Schwimmbeckens verwendet wurde. In Kombination mit den ockerfarbenen Marmorwänden entsteht dadurch ein stimmiger und zugleich natürlicher Eindruck, der durch das indirekte Beleuchtungskonzept unterstützt wird. Die Treppenstufen, die in das zentrale Schwimmbecken hineinführen, sind mit goldenen Mosaiken von Trend-Vicenza verkleidet und erweisen damit auch den Ursprüngen der Marke Bulgari eine Referenz. Die zahlreich angebotenen Massagen sind vor allem auf Techniken aus dem Orient sowie aus Bali spezialisiert und nutzen unter anderem heiße Steine, die zuvor in Öl getaucht wurden. Ob dabei auch kostbare Edelsteine zum Einsatz kommen, wollte man uns gegenüber weder bestätigen noch dementieren.

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