Maximal Minimal: Gartenhaus in Berlin

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Text: Norman Kietzmann, Foto: Karolina Bak

Auf die richtige Mischung kommt es an: Wie Reduktion und Sinnlichkeit zusammenpassen, zeigt der Innenausbau eines dreigeschossigen Gartenhauses in Berlin. Sichtbetondecken, Terrazzoböden und schneeweiße Einbauschränke setzen einen neutralen Rahmen für Naturholzmöbel, die lässig zwischen Gegenwart und Mid-Century changieren.

In der deutschen Hauptstadt erklimmen längst nicht nur die Wohnungspreise oder das Niveau der Restaurantküchen neue Höhen. Auch das Thema Inneneinrichtung wird von der solventen Post-Party-Generation mehr und mehr zur wichtigen Disziplin erkoren. In die richtigen Hände hat sich hierbei ein junges Paar in Prenzlauer Berg begeben. Der polnische Designer Jacek Kolasiński ist in Stettin und Berlin ansässig und hat sich auf die Inneneinrichtung von Wohnungen, Hotels und Restaurants spezialisiert. Sein Erfolgsrezept liegt in der Verbindung aus Mid-Century-Originalen und neuen Entwürfen – wobei letztere vornehmlich in seiner eigenen Werkstatt angefertigt werden.

Beton vs. Terrazzo
Nachdem er 2016 das Souterrain eines Brandenburger Schlosses belebte, hat er nun ein dreigeschossiges Stadthaus eingerichtet. Der Entwurf des Berliner Architekten Eike Becker liegt auf einem Innenhof zwischen Senefelderplatz und Kollwitzplatz und wird von dichter Vegetation umschlungen. Es sind weite, unverstellte Räume, die mit schmalen Fensterbändern das umliegende Grün einfangen. Von der Dachterrasse strömt viel Tageslicht ins Treppenhaus, das sich mit gläsernen Wänden zu allen Etagen öffnet. Sichtbetondecken sorgen für eine raue Atmosphäre, die von hellgrauen Terrazzoböden sogleich mit Sinnlichkeit gebändigt wird.

Eine Einheit: Schlaf- und Badezimmer

Bühne in Grau-weiß
Die Wände in den unteren beiden Geschossen sind fast vollständig hinter Einbauschränken verborgen, die vom Berliner Architekturbüro designyougo entworfen wurden. Mit weiß lackierten Fronten definieren sie eine Pufferzone zwischen den reich strukturierten Decken und Böden. Genau dies ist ungewöhnlich, wo doch Einbaulösungen in den letzten Jahren auf dem Rückzug sind. Großstadtnomaden haben nun mal Bindungsängste und geben eher kompakten und leicht zu transportierenden Möbeln Vorrang.

Auch an diesen soll es hier nicht fehlen. Doch Aufbewahrungsmöbel wie Schränke und Regale werden ebenso wie die Küchenzeile als ein Teil der Architektur verstanden – und als Einbaulösungen mit bodentiefen Türen aus dem Blickfeld geschafft. Im Zusammenspiel mit den Böden und Decken definieren sie eine neutrale Bühne für die eigentlichen Stars dieser Inneneinrichtung: Möbel aus Massivholz, die mit naturbelassenen Oberflächen den kühlen Grauschattierungen der Räume entgegentreten und eine warme wie wohnliche Note erzeugen.

Über den Tellerrand 
Bei der Auswahl der Möbel ließ Kolasiński die Epochen zusammenfließen. Er erweitere das Mid-Century-Suchfeld geografisch und legte neben Deutschland, Frankreich und Schweiz vor allem einen Schwerpunkt auf Polen und Tschechien. Zwei äußerst rare Exemplare sind im Wohnzimmer zu bestaunen: Der hölzerne Freischwingersessel und der passende Tisch wurden 1949 bis 1952 vom berühmten Prager Designer Miroslav Navratil und seinem Kollegen Zdeněk Plesník entworfen und standen über Jahrzehnte in Plesníks Wohnung.

Gläserne Wände im Treppenhaus

Stilistische Verflechtung
Der archaische Esstisch mitsamt der dazugehörigen Bank wurde von Jacek Kolasiński entworfen. Daneben reihen sich fünf Vintage-Stühle aus Eiche, die der Schweizer Designer Willy Guhl 1960 für Horgenglarus entworfen hatte. Auch ein Solvay-Hocker von Jean Prouvé darf nicht fehlen, wobei in diesem Fall kein Vintage-Modell, sondern eine Wiederauflage von Vitra verwendet wurde. Dasselbe Möbel findet sich eine Etage höher im Badezimmer, wo eine kubische Betonbadewanne in den Raum ragt. Der Übergang zum Schlafzimmer wirkt fließend. Hier steht ein von Kolasiński entworfenes Bett, das von zwei runden, anonymen Vintage-Nachttischen aus den Siebzigerjahren flankiert wird.

Das Interieur funktioniert vor allem aufgrund seiner materiellen Klarheit: Der Fokus auf Massivholz lässt selbst Möbelstücke unterschiedlicher Dekaden als ausgewogenes Ensemble zusammenwirken. Die Voraussetzung dafür ist ein neutraler Farbklang, mit dem sich die Architektur zurücknimmt und schließlich derart leise wird, das selbst puristische Vintage-Stücke wie kraftvolle Skulpturen in Erscheinung treten. Selten ist minimal so maximal.

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