Mein Haus aus Müll

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Text: Judith Jenner

Auf dem Campus der University of Brighton hat Architekt Duncan Baker-Brown zusammen mit Studenten ein Haus aus Dingen gebaut, die für andere Müll sind – darunter 20.000 Zahnbürsten und 4.000 VHS-Kassetten. Ihm ist damit nicht nur ein funktionierendes Unterrichtsgebäude gelungen, sondern auch ein Ort zum Experimentieren.

Der Campus der University of Brighton ist ein freundlicher Ort: In einem Erdgeschoss zeigen Kunststudenten ihre Bilder, auf dem begrünten Hof sitzen Studenten mit Kaffeebechern und Büchern auf dem Schoß. Duncan Baker-Brown unterrichtet hier Architektur und hat zugleich sein eigenes Büro im nahe gelegenen Cooksbridge. BBM Sustainable Design baut öffentliche Gebäude und Wohnhäuser und entwarf mit öffentlichkeitswirksamer Unterstützung von TV-Moderator Kevin McCloud The house that Kevin built, ein Fertighaus aus organischen Materialien.

Nachhaltigkeit lernen
An der Universität Brighton hat er nun ein ähnliches Projekt realisiert: Zusammen mit Studenten und Auszubildenden baute er ein Haus fast ausschließlich aus Müll. The Guardian gab dem Projekt, das im Juni fertiggestellt worden ist, den Namen Waste House. Es ist das erste derartige Projekt in Großbritannien, und auch europaweit gibt es wenig Vergleichbares.

Raum für Bewusstsein
Ein mit Steinplatten gepflasterter Weg führt auf dem grünen Campus zum zweistöckigen Haus. „Sie stammen von einer Baustelle hier ganz in der Nähe“, sagt Duncan Baker-Brown. „20 Prozent der Materialien, die für einen Hausbau benötigt werden, landen – benutzt oder unbenutzt – im Müll.“ Sein Anliegen war es, zum einen ein Bewusstsein dafür zu schaffen, was wir täglich wegschmeißen und wie viel davon noch sinnvoll genutzt werden kann. Zum anderen schuf er für die Universität zusätzlichen Raum für Unterricht und Projekte.

Fassade aus Gummi
Schwarze Schindeln bestimmen das Äußere des Gebäudes. Erst bei näherem Hinsehen erkennt man, dass es sich dabei um die Rückseite von Teppichboden handelt, der in kleine Rechtecke geschnitten wurde und das Haus jetzt verkleidet. Ein Student hat einige der Schindeln mit bunten Plastiktüten beklebt – eine Verzierung, die sich nicht bewährt hat, denn einige bekommen bereits Risse. „Das Waste House soll ein Ort sein, um Dinge auszuprobieren, auch wenn es zugleich ein komplett funktionierendes Gebäude ist, das allen hiesigen Bauvorschriften entspricht“, sagt Duncan Baker-Brown. Deshalb sieht er es gelassen, dass auch die Teppichkacheln wahrscheinlich nicht für die Ewigkeit bestimmt sind.

Der Wände Innenleben
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Außergewöhnlich isoliert
Entlang eines Geländers, das ebenfalls aus einem Abrisshaus stammt, betritt man das Haus durch eine Glastür. „Die Türen und Fenster gehören zu den wenigen Dingen, die neu sind“, sagt der Architekt. Sie sind dreifach verglast, denn eine gute Isolierung ist für das Haus, das sich selbst mit Energie versorgt, essenziell. Weniger konventionell sind hingegen die Isolierungen, die sich Baker-Brown und seine Studenten für die Wände ausgedacht haben: Durch kleine Fenster erspäht der Besucher eng gestapelte Zahnbürsten, originalverpackte Tapetenrollen, VHS-Videokassetten oder längst in Vergessenheit geratene Disketten. Ohne sie zu zerstampfen oder sonst wie zu verarbeiten, ruhen die Kästen in der Wand. „Sensoren beobachten, ob sich durch den gedrängten Zustand chemische Reaktionen wie Hitzeentwicklung ergeben“, sagt Duncan Baker-Brown. Ein Student wertet diese Informationen aus und zieht damit Rückschlüsse auf die Wiederverwertbarkeit der Materialien.

Abfallsammmelaktion
An die notwendigen Materialien gelangte Duncan Baker-Brown überwiegend über die britische Freecycle-Organisation Freegle. Die Internetplattform bringt Menschen, die etwas loswerden möchten zusammen mit solchen, die es noch gebrauchen können - frei nach dem Motto „Abfall sind richtige Dinge am falschen Ort“. Je populärer das Projekt wurde, desto mehr Materialien gelangten aber auch auf anderen Wegen ins Waste House. So stammen die Zahnbürsten zu einem großen Teil vom Flughafen Gatwick, wo sie von Passagieren der ersten Klasse entweder nur einmal oder gar nicht verwendet wurden. Den Rest haben Schulkinder gesammelt.

Baupläne
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Über eine Treppe aus zusammengepresstem Altpapier gelangt man entlang einer Wand aus gepresstem Kalksteinschutt in den ersten Stock. Studenten des Masterkurses Sustainable Design in Brighton haben den Raum mit einer Secondhand-Küchenzeile ausgestattet. Eine runde Holzbank ruht auf Füßen aus zusammengeschmolzenen Plastiktüten. Licht spenden auf LED umgerüstete Leuchten von südkoreanischen Frachtschiffen. Im Regal steht ein Gefäß aus wiederverwerteten Kaugummis. Selbst die Farbe an den Wänden wurde von einer Firma namens Newlife Paints in Haushalten eingesammelt und so aufgearbeitet, dass sie wieder verwendbar ist.

Preis eines Müllhauses
Doch auch, wenn die Baumaterialien günstig waren oder gar nichts gekostet haben und viele Arbeiten von Auszubildenden der Firma Mears und dem benachbarten City College übernommen wurden, belaufen sich die Kosten des Waste House fast auf die gleiche Summe, die ein herkömmlicher Neubau gekostet hätte. Das liegt vor allem an den Lohnkosten. „Viele Arbeitsstunden gingen dafür drauf, nach geeigneten Materialien zu suchen“, sagt Duncan Baker-Brown. Daraus hat er gelernt: Das nächste Mal würde er anhand des zur Verfügung stehenden Mülls das Haus entwerfen und nicht umgekehrt.

Lernen, Planen, Umsetzen
Die Architekturstudenten bekamen die Chance, tatsächlich ein Haus zu bauen und nicht nur auf dem Papier zu entwerfen. Etwa 1.000 junge Menschen haben das Waste House bis jetzt besucht, sei es als Schulklassen, als Studenten oder als in den Bauprozess eingebundene Freiwillige. Duncan Baker-Brown hat somit viele Menschen um sich herum für das Thema Müll sensibilisiert und mit seinem Projekt eine Spielwiese geschaffen, die zum einen Raum für Experimente lässt, zum anderen aber auch als Architekturprojekt ernst genommen werden kann.

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