Milde Helligkeit: Apartmentumbau in Lissabon

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Text: Anna Weidemann, Foto: Francisco Nogueira

Einen Ort, der sich durch weiche Verbindungen und milde Helligkeit auszeichnet – diesen Urlaubstraum hat das portugiesische Architekturbüro DC.AD im historischen Stadtkern von Lissabon geschaffen. Sein jüngstes Projekt spielt mit der Verknüpfung von Alt und Neu und geleitet seine Gäste mit stimmigen Übergangselementen durch den umgestalteten Wohnraum.

Helle Pastelltöne, natürliche Materialien, wenig Schnickschnack – wer die Ferienresidenz Academia das Ciências betritt, fühlt sich sofort entschleunigt. Große Erkerfenster, durch die pures Tageslicht eintritt, und viel Raum zum Atmen lassen die Besucher dem Großstadttrubel entfliehen. Zusätzlich sorgen zartes Altrosa, Beige und Lindgrün neben viel Weiß für eine sanfte Atmosphäre und maximale Lichtreflexion.

Schlaf- und Badezimmer
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Historie erhalten
Als sich die Architekten mit den ­ Rahmenbedingungen für das Umbauprojekt vertraut machten, fehlte jede Form von Klarheit, die es heute impliziert. Die alte Wohnung war in einem Zustand fortgeschrittenen Verfalls, als das Studio den Auftrag annahm. Dennoch war es den DC.AD von Anfang an wichtig, die historischen Gegebenheiten des Altbaus zu berücksichtigen: Konstruiert wurde er, wie die meisten seiner Zeit, nach einem traditionellen, seismischen Bauverfahren, das nach dem Erdbeben von Lissabon im Jahr 1755 entwickelt wurde. Das System zeichnet sich durch eine Struktur aus bogenförmig angelegten Steinen in der Basis und Holzschichten in den oberen Geschossen aus. Vertikale, horizontale und diagonale Überlagerungen schaffen dabei eine stabile Konstruktion, die in alle Richtungen widerstands- und bewegungsfähig ist. Für den Umbau mussten daher neue Infrastrukturen geschaffen werden, die den Kern der Wohnung bewahren, sie aber gleichzeitig aufwerten und weiter stabilisieren.

Geschichte weiterentwickeln
„Mit diesem Gedanken im Hinterkopf haben wir eine Umgestaltung vorgenommen, die die existierenden Gegebenheiten lediglich verstärken sollte, um die grundsätzlich stabile und effektive Bauweise zu erhalten“, erläutert Architekt Duarte Caldas. Die erste Phase der Sanierung bestand darin, die Außenwände, die tragende Querschnittswand sowie einige neu gezogene, strukturierende Wände auszubessern und zu verputzen. Die Textur der Oberfläche wurde dabei den Originalwänden als Zeugnis ihrer Geschichte nachempfunden. Um die Homogenität des Gesamtanblicks sicherzustellen, wurden die Fensteröffnungen vergrößert und durch eine ebenfalls originalgetreue Neugestaltung ersetzt.

Weißer Faden
In einer zweiten Phase wurde auf halber Höhe eine weiße Holzvertäfelung appliziert, die einen weichen Kontrast zu den rauen Wänden bildet und als „weißes Band“ nicht nur das gesamte Apartment durchzieht, sondern auch die Holzelemente des alten Gebäudes aufgreift. Mit ihrem nahtlosen Verlauf über Fenstersäume, Schreibtisch, Sideboard sowie die Kopfteile der Betten schafft die Vertäfelung die erste von mehreren Verbindungen zwischen den Räumen, die der Wohnung ihre besonders harmonische Wirkung verleihen. Konsequenterweise zeichnet das Studio auch für sämtliches fest installiertes Mobiliar verantwortlich. So kann der Raum einerseits bestmöglich genutzt, andererseits der gewünschte nahtlose Verlauf durch die verschiedenen Wohnbereiche ermöglicht werden. „Wir gestalten für unsere Projekte integrierte Lösungen, die auf die spezifischen Situationen und Gegebenheiten abgestimmt sind“, erklärt Caldas. „Mit unseren Vorschlägen versuchen wir, die individuellen Qualitäten jedes Raums herauszukitzeln und ihn mit unerwarteten Lösungen weiterzuentwickeln.“
Küche und Wohnzimmer
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Dem weißen Streifen folgend, führt dieser aus dem geräumigen, quadratischen Wohnzimmer zu einer schlauchförmigen Küche und zu zwei an die Schlafzimmer angrenzende Badezimmer. Die beiden funktionalen Räumlichkeiten treten durch wertige Marmorverkleidungen miteinander in Dialog, während die Schlafzimmer das Interieur des Wohnzimmers aufgreifen. Damit schaffen die Architekten gedankliche Zonen ohne Türen: Es entsteht eine zarte Grenze zwischen den Nutz- und Erholungsbereichen. „Die Idee hinter dem großflächigen Einsatz von Marmor war es, einen intensiven Kontrast aus harten und weichen Farben und Materialien zu erzeugen“, verrät Caldas. „Das Material definiert die verschiedenen Wohnbereiche unterbewusst, aber doch eindeutig. Die visuelle Verknüpfung von Wohn- und Schlafzimmer sowie Küche und Badezimmer sagt genau aus, welchen Nutzen wir dem Bereich zuordnen können.“ Unterstützt wird diese Idee durch unterschiedliche Deckenhöhen in den beiden Zonen, die ein Gefühl des Übergangs in einen neuen Bereich vermitteln.

Licht, Luft und schlanke Türen
Als zusätzliche Verknüpfung der nördlichen und südlichen Räumlichkeiten installierte das Studio schlanke Drehtüren, die sich flach wegklappen und Licht und Luft durch die gesamte Wohnung strömen lassen. Und auch die beiden Badezimmer profitieren vom natürlichen Tageslicht: Statt sie mit harten Wänden zu umzingeln, setzten die Architekten zur Schlafzimmerseite Fensterfronten ein, die die kleinen Räume aus ihrer Enge befreien und ebenfalls eins mit dem Ganzen werden lassen.

Bis in alle Details befindet sich die Academia das Ciências spürbar in ihrer eigenen Balance, die die Vergangenheit mit der Gegenwart verbindet und alle Räume untereinander in Einklang bringt. Eine Harmonie, die sich auf die Gäste überträgt: Hier kann man abtauchen und zur Ruhe kommen.

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