Mit Kubrick Shoppen Gehen

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Text: Norman Kietzmann
Foto: Paola Pansini

Boutiquen sind keine gewöhnlichen Geschäfte. Sie sind Bühnen, die Kleidung mit der Aura des Besonderen umgeben. Ein narrativer Pfad kann bei der Inszenierung gewiss nicht schaden, vor allem wenn er in eine postmoderne Erlebniswelt hineinführt wie die Boutique One-Off in Brescia.

In der Innenarchitektur geht es vor allem um eines: Atmosphäre. Dass dabei ein gewisser Hippness-Faktor nicht schaden kann, beweist Dimorestudio aus Mailand. Das von Emiliano Salci und Britt Moran gegründete Büro hat in Brescia, rund 100 Kilometer östlich der norditalienischen Metropole, eine ungewöhnliche Damen-Boutique realisiert: One-Off.

Radikaler Pop
Im dem dreigeschossigen Shop werden die Avantgarde-Phantasien der Sechzigerjahre mit Ausflügen in die spätere Popkultur verschmolzen. Der Zeitpunkt für das Retail-Konzept scheint richtig gewählt. Denn es ist vollgespickt mit Referenzen, die exakt um fünf Dekaden auf den Jahreswechsel 1968/1969 zurückführen. Die Moderne ist damals von jungen Architekturgruppen so sehr radikalisiert worden, dass sie bereits postmoderne Züge trug. Eine Phase der Kritik und des Aufbruchs, die uns noch heute in den Bann zieht. 

Da sind die Megastrukturen des Florentiner Sixties-Kollektivs Superstudio. Deren imaginäre Gebäude sollten sich in gigantischen Ausmaßen über pittoreske Landschaften oder historische Stadtkerne hinweg spannen, die Fassaden in ein strenges Raster aus weißen Quadraten und schwarzen Fugen gezwängt. Dimorestudio greifen diese Arbeiten mit einem weiß gekachelten Treppenhaus auf. Auch eine Sitznische in der ersten Etage sowie die gesamte dritte Etage folgen dieser Sprache.

Die Kasse trögt Ponyfrisur.

Sprung durch die Zeit
Eine weitere Referenz stammt aus Stanley Kubricks 1968er Kultfilm 2001: Odyssee im Weltraum. Die Szene, in der Astronaut David Bowman in einen Raum tritt, dessen beleuchteter Fußboden mit barocken Möbeln kontrastiert wird: ein stilprägendes Set aus der Feder des britischen Filmarchitekten Tony Masters. Dimorestudio haben den beleuchteten Boden in die Boutique übertragen, der hier sogar die Möbel ersetzt. 

Schuhe und Taschen werden nicht auf Regalen oder Ablagen präsentiert, sondern liegen direkt auf dem erhöhten Leuchtboden auf. Eine ebenfalls beleuchtete Decke steigert die Raumwirkung ins Bühnenhafte. Ein witziges Detail: Miniaturisierte, dorische Gipssäulen werfen zeitliche Anker sowohl in die Antike als auch in die Pop-Ästhetik der Achtzigerjahre, als würden jeden Moment Duran Duran um die Ecke kommen und einen Clip drehen wollen.

Leuchtboden à la 2001: Odyssee im Weltraum

Prähistorische Relikte 
Im Erdgeschoss wird eine weitere Architekturvision aufgegriffen: Die Non Stop City von Archizoom aus dem Jahr 1969. Auch diese war geprägt durch cleane, artifizielle, von Leuchtdecken erhellte Räume. In dieser raumschiffartigen Umgebung wirkten Naturalien wie Relikte prähistorischer Kulturen. Dimorestudio übertrugen diese Rolle in Brescia den Kleiderständern. Sie sind als Bambusbündel zwischen Boden und Decke eingespannt und bringen einen Hauch Waikiki-Stimmung ein. 

Die Halme werden von bronzefarbenen Metallschellen umfasst, aus denen horizontale Rohre herauswachsen, in die wiederum kahle Äste hineingesteckt wurden. Letztere sind eine Referenz an die 1987 von Archizoom-Gründer Andrea Branzi vorgestellte Möbelserie Domestic Animals: The Neoprimitive Style. Die Kleider und Accessoires namhafter Modemarken werden auf diese Weise mit Vogelscheuchen-Charme und wohl dosierter Endzeitstimmung kontrastiert. 

Bezahlen mit Mähne
Eine spannende Lösung haben Dimorestudio bei der Gestaltung der Kasse gefunden: eine rundum mit blonden Perücken behangene Rotunde, die dank einer rechteckigen (Gesichts-) Öffnung eine Ponyfrisur trägt. Passend dazu wirkt der mit weißem Lammfell ausgestattete Bambus-Sessel von Gabriella Crespi aus den frühen Siebzigerjahren – flankiert von weiteren Klassikern der Kultgestalter Angelo Mangiarotti und Gae Aulenti. Wer kann da noch behaupten, Shoppen sei eine oberflächliche Angelegenheit?

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