Mit dem Lichtpferd zum Happy End

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Text: Katja Neumann


Von Geschichten bis Süßigkeiten – Methoden, Kindern die Angst vor dem Arzt nehmen, gibt es viele. Einen ganz neuen Ansatz verfolgt jedoch die kürzlich eröffnete Kinderarztpraxis der AOK in Berlin: Als erste komplett mit LED beleuchtete Kinderarztpraxis wird hier das Licht gezielt für ein kindgerechtes und freundliches Umfeld eingesetzt. Konzipiert wurde die Beleuchtung von dem Berliner Gestaltungsbüro Lichtraeume, das die Raumgestaltung nicht nur hinsichtlich Funktionalität und Ästhetik gestaltete, sondern auch entwicklungspsychologische Erkenntnisse berücksichtigte.


Die neue Kinderarztpraxis im Weddinger Centrum für Gesundheit der AOK Nordost wurde nach einem speziellen raumpsychologischen Konzept gestaltet. Die Raumwahrnehmung bei Kindern erfolgt erwiesenermaßen auf der emotionalen Ebene, weshalb die Planer von Lichtraeume nicht nur Licht, sondern auch Farben, Düfte und Klänge einsetzten, um den kleinen Patienten ein wohliges Gefühl zu vermitteln.

Das Lichtpferd „Pegasus“

So werden die Patienten schon am Eingang vom Lichtpferd „Pegasus“ begrüßt, das als leuchtendes Symbol für Heilung und Gesundheit an verschiedenen Stellen in der Praxis immer wieder auftaucht. Über ein frei am Empfang ausliegendes Buch, können die Kinder das Lichtpferd zunächst näher kennenlernen und sich mit der Geschichte vertraut machen. Darin führt Pegasus die Kinder durch die heilende Kraft von Licht zum Happy End – nämlich der Gesundheit. Ausgehend von der Assoziation vom Licht mit seiner heilenden Wirkung ist auch das Beleuchtungskonzept angelegt. Es beschränkt sich nicht nur auf die Ausleuchtung der Räume, sondern fördert durch eine Vielzahl unterschiedlicher Lichtstimmungen sowohl beruhigende als auch kreativitätsfördernde Stimmungen und Gefühle.

Weiche Formen, sanfte Farben

Die Innenarchitektur der Praxis ist gekennzeichnet durch organische Formen, „Wellenwände“ und kreisförmige Elemente wie zum Beispiel die Sitzbänke im Wartebereich. Die durchgehend runden, fließenden Formen und die weich gepolsterten Möbel sollen das Verletzungsrisiko minimieren, schallabsorbierende Materialien sorgen für eine angenehme Geräuschkulisse. Dominierende Elemente des Wartebereiches sind jedoch zweifellos die vertikalen Leuchtsäulen, die sich in weichen Formen gen Decke strecken. Darin sind LED-Leuchtmittel installiert, sodass die Säulen in verschiedenen Farben illuminiert sind. Ebenfalls mit verschieden farbigen LEDs bestückt sind die kreisförmigen Deckenelemente, die über dem Empfang und den Büroarbeitsplätzen platziert sind. Während die kreisförmige Konstruktion unterschiedliche Farbwechsel abspielt, befinden sich im Inneren des Elements abgependelte, weiße Leuchten, die für die nötige Helligkeit sorgen. Das indirekte Licht kombiniert mit Akzentbeleuchtung wird also beiden Ansprüchen gerecht: dem Bedürfnis der Patienten nach Beruhigung und dem des Arztes nach einer optimalen Ausleuchtung des Arbeitsplatzes. Die Farbwechsel beim Licht und die Farbgebung des Praxisraums erfolgten dabei nach Kriterien der entwicklungspsychologischen Farblehre. Verwendet werden nur Farben, mit denen Kinder positive Erfahrungen verbinden, wie Rot, Grün oder Pastelltöne.

Klänge, Düfte und Interaktion

Auch Klänge und Düfte gehören zum ganzheitlichen Raumkonzept der Kinderarztpraxis. Die Düfte werden durch einen Ultraschallzerstäuber erzeugt. Dieser arbeitet mit einer modernen Zerstäubungstechnologie auf Ultraschallbasis, wodurch ausgewählte ätherische Öle und Wasser in mikroskopisch kleinen Tröpfchen in die Raumluft abgegeben werden. Neben dem angenehmen Duft unterstützt dieses Verfahren auch die Regeneration der Haut und verbessert die Atmung. Ein integrierter Luftreiniger beseitigt unangenehme Gerüche und reichert die Luft mit negativen Ionen an, was Wohlbefinden und Konzentrationsfähigkeit steigern soll. Denn schließlich sollen sich die kleinen Patienten in den Praxisräumen nicht nur entspannen sondern auch zum Spiel angeregt werden. Dafür wurde im Wartebereich ein Projektionssystem integriert, das auf die Anwesenheit von Menschen in Echtzeit reagiert. Durch die Bewegungen der Anwesenden werden auf den projizierten Bildern oder Filmen visuelle Effekte ausgelöst, was zur spielerischen Kommunikation mit dem System und der Projektion auffordert. Spielen und Lernen lässt es sich auch im sogenannten „Galaxiegarten“, der hauseigenen Praxis-Terrasse. Bestehend aus Pflanzen und Lichtelementen finden sich hier die organischen Formen der Praxisräume wieder.

Ausgeklügelt ist auch das Leitsystem, ebenfalls entwickelt vom Büro Lichtraeume. Direkt am Eingang weisen Bodenformen den Besuchern intuitiv den Weg zum Empfangstresen. Die verschiedenen Räume haben außerdem besondere Bezeichnungen: So heißt die Behinderten-Toilette beispielsweise „WC für besondere Kinder“ und der Warteraum für Kinder mit infektiösen Krankheiten nennt sich „Sternchenzimmer“. Dass die Praxis mit ihrem Konzept die kleinen Patienten in den Mittelpunkt stellt, ist in diesem Fall sogar wörtlich zu nehmen: schließlich ist der gesamte Praxisraum symmetrisch angeordnet, rechts und links von der Terrasse. Diese Tatsache soll aus psychologischer Sicht das Raumverständnis erhöhen und den Betrachtern, die sich im Mittelpunkt befinden, ein Gefühl der Sicherheit geben.
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