Modern im Schloss

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Text: Norman Kietzmann, Foto: Karolina Bak

Extravagant, geheimnisvoll und elegant: So beschreibt der Stettiner Designer Jacek Kolasiński ein von ihm eingerichtetes Apartment im Umland von Berlin. In historischen Mauern treffen polnische, tschechische und skandinavische Designoriginale der Fünfziger- und Sechzigerjahre mit heutigen Entwürfen zusammen.

Sie betören wie die Gesänge der Sirenen: Noch immer entfalten die Möbel und Leuchten aus der Mitte des vergangenen Jahrhunderts eine unwiderstehliche Anziehungskraft. Neben skandinavischen, amerikanischen und italienischen Arbeiten rücken mehr und mehr Entwürfe aus Osteuropa in den Fokus der Sammlerleidenschaft. Dass Nachkriegsmoderne und Gegenwart keine Kontrahenten sein müssen, zeigt der polnische Designer Jacek Kolasiński. Mit seinem in Stettin und Berlin ansässigen Büro Loft Kolasiński richtet er Wohnungen, Häuser, Restaurants und Cafés ein und setzt auf eine Mischung aus Designoriginalen der Zwanziger- bis Siebzigerjahre sowie neu angefertigten Möbelstücken aus der eigenen Schreinerei. 

Umfangreiche Renovierung 
Ein stimmiges Ensemble ist Jacek Kolasiński mit einem Apartment im Umland von Berlin geglückt, das in den Sommermonaten für Hochzeiten und Familienfeiern gemietet werden kann. Bei der Immobilie handelt es sich um kein gewöhnliches Wohnhaus, sondern um ein idyllisch vom Wald umgebenes Schloss. Während der umfangreichen Umbauarbeiten sind Wände und Decken ausgebessert worden. Die früheren Lehmböden wurden mit Ziegeln und Brettern neu verlegt. Von der Schwere der alten Mauern ließ sich Jacek Kolasiński jedoch kaum beeindrucken. Er verwandelte das Souterrain in ein modernistisches Refugium, das mit leichtfüßigen Möbelstücken, gemusterten Teppichen und dekorativen Details dem Gemäuer gegenübertritt. 

Wohnzimmer
Schwerpunkt polnisches Design
„Die Idee für das Interieur knüpft an die alte mediterrane Architektur an, während Ausstattung und Möbel extravagant, geheimnisvoll und elegant sind. Die Küche dagegen ist einfach, gemütlich und im Landhausstil gehalten“, beschreibt Jacek Kolasiński seinen Gestaltungsansatz. Es freue ihn, dass der Großteil der historischen Einrichtungsgegenstände aus Polen stammt, wie der 1968 im niederschlesischen Städtchen Kowary gefertigte Wollteppich im Wohnzimmer. Auch eine filigrane Teak-Kommode ist in den Sechzigerjahren als Sonderanfertigung für einen Parteiaktivisten hergestellt worden und hat nun im Esszimmer einen prominenten Platz gefunden. 

Avantgarde versus Politik
Die vier grauen Sessel – zwei davon im Wohnzimmer, zwei in einer Sitznische neben dem Korridor – sind in den Fünfzigerjahren im schlesischen Zadziel angefertigt worden. „Die kleine Möbelmanufaktur hatte sich ursprünglich auf den Bauhaus-Stil spezialisiert. Später wurde sie dazu gezwungen, ausschließlich Möbel zu medizinischen Zwecken zu fertigen, da die Parteifunktionäre der Meinung waren, die Möbel seien zu sehr Avantgarde“, sagt Jacek Kolasiński, der die seltenen Sessel auf einer Auktion erwarb. Andere Möbelstücke und Leuchten konnte er durch seine langjährigen Kontakte zu Händlern und Sammlern zusammentragen. 
Küche
Archaik und Utopie
Auch wenn der Schwerpunkt auf historischem, polnischem Design liegt, sind Arbeiten aus Tschechien, Amerika und Dänemark zu finden, darunter ein schön gealterter Safari Chair von Kaare Klint. Dazwischen reihen sich immer neue Möbelstücke, die den Originalen jedoch keine Konkurrenz machen. Im Gegenteil: Sie vervollständigen das Ensemble vielmehr als neutrale Begleiter. So zieht in der Küche ein metallener Leuchter die Blicke auf sich, der ganz dem Sputnik-Zeitalter verhaftet ist und in den Sechzigerjahren in Polen gefertigt wurde. Darunter steht ein rollbarer Esstisch mit Massivholzplatte, der von zwei hölzernen Bänken flankiert wird. 

Das Ergebnis ist ein Zusammenspiel aus archaischer Bauernstube und utopischen Designphantasien, die inmitten der weiß getünchten Mauern stimmig ineinandergreifen. Die Bausubstanz des Schlosses wirkt wie ein zeitliches Korrektiv zum Wechselspiel der Dekaden. Die Fünfziger und Sechziger werden nicht als gestalterischer Imperativ bewertet. Sie sind vielmehr ein flüchtiger Moment auf einer langen Zeitgeraden, die den Blick aus der Vergangenheit geradewegs ins Hier und Jetzt wirft.

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