Modernes Badehaus

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Text: Sandra Piske

Neri & Hu schlagen einen Bogen ins traditionelle China. Während in dem von ihnen geplanten Boutique-Hotel die Verwendung recycelter Ziegelsteine ein Verweis auf die alte Yangzhou-Architektur ist, können die offenen Wohnbereiche mit freistehenden Wannen als Hommage an die inzwischen aussterbende Badekultur des Landes verstanden werden.

In der chinesischen Fünf-Elemente-Lehre steht Wasser für eine innere Einkehr und Ruhe. Und tatsächlich kann man dem Tsingpu Yangzhou Retreat in der Provinz Jiangsu, nahe der Acht-Millionen-Metropole Nanjing, eine ruhige Ausstrahlung nicht absprechen. Inmitten einer Seengegend planten die Shanghaier Architekten Lyndon Neri und Rossana Hu eine ganz eigene Feuchtlandschaft – indem sie einige der zahlreichen Außenbecken und Innenhöfe des Ressorts mit Wasser befüllten. Die Flächen schaffen einen fließenden Übergang zwischen innen und außen. Auch Elemente des Himmels und der Erde sollen miteinander verbunden werden. Man sieht es deutlich, wenn in den stillen Wasserflächen gespiegelte Wolken vorüberziehen.


Ein Ort, an dem Wasser eine so entscheidende Rolle für die Atmosphäre spielt, ist natürlich auch mit wohl durchdachten Badezimmern ausgestattet. Besonders auffällig in den Bädern ist der dominante Einsatz von lebendig gemustertem Terrazzo, aus dem Wandverkleidungen, Waschtische und Wannen gegossen sind. Das schon aus der Antike bekannte Material schlägt einen Bogen zu einem anderen wichtigen Baustoff des Retreats: den 1,2 Millionen recycelten Ziegelsteinen, aus denen die Architekten das 20-Zimmer-Boutique-Hotel errichten ließen und dessen Patina die alte Yangzhou-Architektur repräsentiert. Für Neri & Hu ein charakteristischer Schachtzug. „Wir glauben, dass Menschen immer etwas Vertrautes suchen. Gewisse Elemente aus der Geschichte zu entlehnen und sie an die Oberfläche zu bringen, ist uns wichtig“, erklären die Architekten.



Neben dem Terrazzo finden die Gäste des Ressorts in ihren Bädern außerdem vornehmlich Naturmaterialien wieder. Besonders herausstechend ist das handgefertigte Holzsystem des lokalen Herstellers FNJI, das an einen begehbaren Kleiderschrank erinnert und Elemente wie Spiegel, Kleiderstange, Kosmetikablage sowie Frisiertisch in einem offenen Möbel miteinander verbindet. Die Gestaltung dieses besonderen Stücks hat sowohl einen ausgeprägten chinesischen als auch einen zeitgenössisch modernen Charakter.

Eine schöne Badelösung für die offenen Wohnräume im Retreat fanden Neri & Hu mit einer hinter einem niedrigen Paravent geschützt freistehenden Wanne. Die Situation kann als Hommage an die traditionellen chinesischen Badehäuser verstanden werden, deren Wurzeln bis ins 17. Jahrhundert zurückreichen. In diesen Einrichtungen geht es nicht nur um die Körperhygiene, sondern vor allem um das soziale Leben. Während in den Peeling-Kabinen die Haut von Kopf bis Fuß mit groben Handschuhen abgeschrubbt werden, verbringen in Handtücher gewickelte Besucher einige Stunden mit Plaudern, Schachspielen oder einem Power Nap auf den bereitgestellten Liegen. Bezeichnenderweise ist in vielen dieser Badehäuser nur ein kleiner Teil der Fläche überhaupt der Körperreinigung gewidmet. Fast so wie in den offenherzigen Wohnräumen im Tsingpu Yangzhou Retreat. Mit der geschützten Badewanne haben Neri & Hu übrigens ein weiteres ihrer Markenzeichen hinterlassen. Sie mögen es, „das Gefühl hervorrufen, gleichzeitig frei und eingeschlossen zu sein“.



Chinas Badehäuser sind heute vom Aussterben bedroht. In Bejing gibt es nur noch ein einziges. Das Tsingpu Yangzhou Retreat hat sich der Beschäftigung mit einheimischer Kultur verschrieben. Ein perfekter Ort, um sie in einer gleichzeitig modernen Interpretation zu erleben.

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