Modernes Märchenschloss

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Text: Katharina Horstmann
Foto: Fotografiestudenten, Academy Fine Arts, Maastricht


Schlossgeschichten gibt es viele. Sie verweisen meist auf vergangene Zeiten – mit nebelumhüllten Türmchen, obskuren Zinnen, dunklen Einrichtungen, Ritterrüstungen und noch düsteren Charakteren. Ganz anders beim Château Bethlehem. Seine Geschichte beginnt im Jahr 2010; es ist eine „neue“ Geschichte, gestaltet von zwölf holländischen Designern, die die Innenräume des Schlosses aus dem 13. Jahrhundert in ein sogenanntes „Lernhotel“ transformierten – für Studenten von Studenten der Hotelmanagement-Schule in Maastricht. Das Resultat ist ein unkonventioneller, praxisnaher Ort, der zum kreativen Denken anregen soll – und das nicht nur durch einen ausgefallenen Lehrplan, sondern durch die Gestaltung der einzelnen Zimmer: Sie erinnern nämlich an Schwimmbäder, Schlossgärten oder überdimensionale Tagesbettdecken.


Eigentlich beginnt die „neue“ Geschichte schon in den 1950er Jahren, als die Hotelmanagement-Schule Maastricht das Château Bethlehem übernommen hatte. Zunächst beherbergte es die Schlafsäle der Studenten, später wurden die Innenräume zu Büros umfunktioniert und nun zu einem Lernhotel. Beim Umbau übernahm der Innenarchitekt Henk Vos die Leitung als Artdirector. In dieser Funktion beauftragte er zwölf Designer – etablierte Gestalter als auch Anfänger –, neue Konzepte für 26 Zimmer, ein Restaurant, eine Bar sowie diverse Konferenzräume auszuarbeiten. „Wenn sich jedes Zimmer von den anderen absetzt, ist es nicht nur spannend für die Gäste; es gibt den Studenten auch die Möglichkeit, mehr über die verschiedenen Anforderungen an ein Hotelzimmer zu lernen“, erklärt Vos. Deswegen wurde den Designern eine Carte Blanche gewährt – mit drei Ausnahmen: Das Budget musste eingehalten, das unter Denkmalschutz stehende Gebäude mit Respekt behandelt und eine informative als auch innovative Umgebung sollte geschaffen werden.

Badezimmer mit Zimmer

Zu den neuen Unterkünften gehören ein Badezimmer und ein Grünes Zimmer, entworfen von Richard Hutten, der zu den bekanntesten und unkonventionellsten niederländischen Designern zählt. Ersteres ist bis unter die Decke blau gefliest – von Fußboden und Bett über die Wände bis hin zu Schreibtisch und Kofferablage. Zudem gibt es diverse Elemente, die man üblicherweise in öffentlichen Schwimmbädern vorfindet. So wählte Hutten für die Beleuchtung runde Decken- und Wandscheinwerfer und das „wirkliche“ Badezimmer befindet sich in einer Umkleidekabine. Eine Deckenmalerei in Form eines überdimensionalen, schwimmenden Elefanten vervollständigt den Gesamteindruck der Schwimmbadarchitektur.

Das Grüne Zimmer wiederum verweist auf die Architektur des alten Schlosses. Es erinnert an einen sich über zwei Niveaus erstreckenden Turm. Alles ist in Grün gehalten: grüne Wände, grüne Steinfliesen, grünes Bett. Lediglich Balken und Decke befinden sich noch im Originalzustand. So verbindet die Gestaltung Alt mit Neu, Funktionalität mit Komfort.

Tetris-Architektur

Weitere Attraktionen sind die Zimmer namens Fremdkörper, Bettdeckengebiet sowie Schreibtafel vom Studio Makkink & Bey. Das erste wird von einem Badezimmer dominiert, das mit dem Schlafzimmer durch einen schlichten Durchbruch verbunden ist. Es wird charakterisiert durch ein Konglomerat von hell- und dunkelblauen Fliesen verschiedener Größe, die in ihrer Anordnung an das Tetris-Spiel erinnern. Betritt man den Raum, findet man rechts hinter einem kleinen Vorsprung einen schlichten weißen Waschtisch vor; hinter einem weiteren Vorsprung auf der linken Seite befindet sich das WC und schließlich auf der rechten Seite eine Dusche.

Überdimensionale Bettdecken

Auch das Bettdeckengebiet umfasst ein großes Badezimmer, das von blauen Fliesen dominiert wird. Anders als der Fremdkörper besitzt es jedoch keine Dusche, sondern zwei großzügige Badewannen, denn der Fokus liegt hier auf dem Verwöhnen. Das soll auch das Schlafzimmer versinnbildlichen. Betritt man den Raum, fällt einem sofort eines ins Auge: die Bettdecke, die einen Großteil des Raums einzunehmen scheint. Diesen Effekt schafft ein floraler brauner Teppich, der Dreiviertel des Bodens bedeckt, der zunächst von der braunen Tagesdecke auf dem Bett und dann an der Wand durch eine braune Tapete abgelöst wird. Das restliche Drittel des Raums ist ähnlich gestaltet, nur dass das Braun durch ein Blau ersetzt wird, das wiederum die Farbe des Badezimmers aufgreift.

Schrankdusche

Das Schreibtafelzimmer hingegen ist dem Thema Kommunikation gewidmet. Wände, Decken und Möbel sind mit einem matten Lack versehen, auf die der Gast beziehungsweise Student mit Hilfe von Tafelkreide Nachrichten hinterlassen kann. Einzige Ausnahme ist die Wand gegenüber des Doppelbetts. Sie ist in Limonengelb gefliest, umfasst zwei schlichte Waschbecken sowie eine Art Schrank mit drei weißen Türen. Diese beherbergen jedoch nicht nur jede Menge Stauraum, sondern auch das WC und die Dusche.

Gestaltungselement Natur


Auch Piet Hein Eek war an der Gestaltung des Hotels beteiligt. Der holländische Designer, der sich mit seinen aus Abfallholz gefertigten Möbelstücken einen Namen gemacht hat, entwarf unter anderem ein Familienzimmer, das in Grautönen gehalten ist. Neben einem großen Doppel- umfasst es auch ein Etagenbett für Kinder. Dieses vermittelt das Gefühl in einer Scheune zu schlafen und greift die für Eek so typischen Gestaltungselemente auf: Holzreste.

Ein anderes Zimmer, das mit der Natur spielt, ist die Parksuite. Wie der Name schon erahnen lässt, ist das vom Büro Stars Design entworfene Zimmer inspiriert vom Garten des Schlosses. Die Wände sind mit einer mit Blätter dekorierten Tapete versehen und der Fußboden mit einem Teppich, der ein ähnliches Muster aufweist. Neben einem großen hölzernen Himmelbett befindet sich ein robuster Holztisch, der von Hockern umgeben ist, die an Strohballen erinnern. Das wohl verspielteste Element ist jedoch eine vom Deckenbalken herunterhängende Schaukel, auf der man durch das Zimmer hin und her schwingen kann. Wer möchte da kein Student sein?

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Campana