Nickerchen in New York: The Dreamery

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Text: Claudia Simone Hoff
Foto: Michael Moran

Unterwegs in New York und plötzlich fallen einem die Augen zu? Bei akuter Müdigkeit gibt es in der Mercer Street in Manhattan einen Ort, wo man für 25 Dollar abtauchen und ein kurzes Schläfchen machen kann. Sternenhimmel für schöne Träume inklusive.

Der Tag nach der Party, ein hektischer Business-Trip, Sightseeing-Stress, stundenlanges Sitzen vor dem Computer oder in Konferenzräumen: Fast jedem überfällt zumindest einmal am Tag eine bleiernde Müdigkeit, meist nach der Mittagspause. Wer hat sich da nicht schon mal wenigstens eine Liege herbeigesehnt, um sich ein paar Minuten wegzuträumen von den Unwägbarkeiten des Alltags. Nur sind meist weit und breit keine Liege und erst recht kein bequemes Bett mit ausreichend Privatsphäre in Sicht.

Schlafen als Geschäftsidee
In genau diese Marklücke ist Casper gesprungen. Das 2014 gegründete Unternehmen hat sich ganz aufs Thema Schlafen verlegt, denn es stellt nicht nur Betten, Matratzen und Kopfkissen her. Es schafft auch behagliche und ziemlich überraschende Orte fürs Power Napping. Im New Yorker Hipster-Stadtteil NoHo wurde im Sommer The Dreamery by Casper eröffnet, wo gestresste Großstädter ein wenig Ruhe finden können. Und das funktioniert so: 25 Dollar zahlen, einchecken, raus aus den Schuhen, rein in den Pyjama. Und dann: 45 Minuten dösen, nachdenken, (tag-)träumen, schlafen, schnarchen – in Einzelkabinen mit bequemen Betten, die mit einem dicken Vorhang verschlossen werden.

Inszenierter Raum
The Dreamery ist kein Kapselhotel, auch wenn es wegen der aufgereihten Schlaf-„Boxen“ auf den ersten Blick vielleicht so aussehen mag. Es ist viel eher ein interessantes Mix & Match von privaten Räumen, Hospitality- und Retail-Konzepten. Und zwar deshalb, weil es mit den Schlaf- und Badezimmermodulen in die Privatsphäre vordringt, mit dem Check-in-Desk an ein Hotel erinnert und zudem mit einem Shop mit Casper-Produkten ausgestattet ist. Die Herausforderung für das New Yorker Architekturbüro Hollwich Kushner: ein Interiorkonzept für ein Bestandsgebäude zu entwickeln, das einen nahtlosen Übergang schafft von der quirligen Welt draußen in die Privatheit des Schlafens drinnen.

Die Architekten haben den rund 300 Quadratmeter großen Raum in einzelne Sequenzen unterteilt, die sehr filmisch wirken. Die Raumfolge ist wohldurchdacht, sehr inszeniert und mit gestalterischen Aha-Erlebnissen versehen. Bereits im Entree wird deutlich, worum es geht: Ein tiefblauer, künstlicher Sternenhimmel leitet durch einen Bogengang in den Empfangsraum über, der kontrastierend dazu weit, licht und hell gehalten ist. An einem weißen Tresen findet das Check-in statt, fein aufgereiht an Bügeln hängen dahinter die dunkelblauen Pyjamas, die der Gast überreicht bekommt. Wer möchte, erhält auch eine Schlafbrille, wie es sie im Flugzeug gibt. Danach geht es in die Umkleidekabinen, wo sich Bäder und abschließbare Spinde (mit bereitgestellten Socken und Schlappen) befinden. Jeder Waschplatz ist mit Vorhängen versehen, um Privatsphäre zu schaffen.

Bed in a Box
Textilien spielen auch im eigentlichen Schlafraum eine wichtige Rolle. Ohne erkennbares Muster sind verschiedene, runde Schlaf-„Boxen“ in einen hohen, säulenbestandenen Saal mit einer freiliegenden Ziegeldecke gestellt. Sie sind minimalistisch ausgestattet, wirken durch die Vorhänge aus dickem Stoff und das behagliche Licht jedoch ziemlich gemütlich. Die kreisrunde Form der Bettenboxen taucht im Inneren als gestalterisches Motiv wieder auf: in Form einer kugeligen Hängeleuchte und als Leuchtenring an der Seitenwand. Neben dem Bett befindet sich eine Ablagefläche aus hellem Holz, in der die Schalter eingelassen sind, mit denen man das Licht ein- und ausschalten kann.

Zeitgeistträume
The Dreamery by Casper ist ein Projekt, das absolut zeitgeistig und in dieser Form wohl nur in einer Großstadt vorstellbar ist. Denn wer bereit ist, zehn Dollar für ein Bio-Brot und sechs Dollar für einen Cappuccino zu bezahlen, der greift auch für einen 45-Minuten-Schlaf tief in die Tasche. Und wem die knappe Stunde nicht ausreicht, für den gibt es in der Mercer Street gleich neben dem Empfang noch eine Lounge-Zone, die im pastellig-knuffigen Hygge-Stil mit Sofa, Sesseln und Poufs eingerichtet ist und wo ein Coffee for free ausgeschenkt wird. So ausgeruht, kann man sich dann wieder ins New Yorker Getümmel stürzen.

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