Nordish Galore

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Text: Tanja Pabelick
Foto: Kristine Funch

Neuerdings macht es die junge skandinavische Mode den klassischen skandinavischen Möbeln nach: Sie schreibt Erfolgsgeschichte. Neben Mailand und Paris sind Stockholm und Kopenhagen die neuen Arenen des Modezirkus. In der dänischen Hauptstadt hat mit KiCK zuletzt ein Innovationszentrum eröffnet, das als kreativer Spielplatz die lokale Fashionszene stärken will. Und weil im hohen Norden das nächste Designbüro meist nur einen Steinwurf entfernt liegt, rekrutierten die Initiatoren mit der wundervollen Innenarchitektin Helle Flou ein Talent aus der unmittelbaren Nachbarschaft.

Das neue Zentrum für die Mode liegt mitten in Kopenhagen, in einem neoklassizistischen Bau, der nicht ohne Grund an die Berliner Architektur eines Karl Friedrich Schinkel erinnert. Von dessen stilistisch strengen Werken soll sich der Architekt Jørgen Hansen Koch 1835 inspiriert haben lassen, als er einem wohlhabenden Kaufmann diese weiße Mansion plante. Heute residiert in der ruhigen Nebenstraße mit Danish Fashion & Textile ein Branchenverband der Textilindustrie, der bestehenden Betrieben und Start-Ups Unterstützung bietet. Darüber beginnt bei Kopenhagen Fur das Reich der Nerze, Füchse und Chinchillas. Auch wenn die Mehrheit der Modeliebhaber Pelze nur zu gern von den Laufstegen verbannt sähe – bis heute führt Dänemark die Liste der Nerzproduzenten an. Mit jährlich 15 Millionen Pelzen liegt das kleine Land weit vor China – und so ist das weltweit größte Pelz-Auktionshaus auch im Kopenhagener Stadtteil Fredriksstaden ein akzeptierter Industriezweig.

Zu zweit eins

Kopenhagen Internationale Center for Kreativitet, kurz KiCK, nennt sich die Kooperation, die inhaltlich und räumlich über eine Zweckgemeinschaft hinausreichen soll. Für die Innenarchitektin Helle Flou hieß das: Ein Haus ohne Brüche und mit zwei Büros, die den individuellen Charakter der Institutionen abbilden. Die dänische Design-Identität ist zunächst einmal der gemeinsame Nenner. „Das Büro von Danish Fashion & Textile wird von minimalistischem Design mit Seele getragen – bei Kopenhagen Fur kommen dunkle Töne und Gold hinzu“, fasst Helle Flou Pedersen, die als Designerin ganz nordisch nur unter ihren beiden Vornamen firmiert, den Ansatz zusammen. Auch bei der Ausstattung hat sie auf nordische Qualitäten gesetzt und Klassiker mit zeitgenössischem Design gemischt, zum Beispiel von den Jungstars GamFratesi und Unternehmen wie Gubi, Hay oder Fredericia.

Kommunikative Tafelrunden

Wer das Gebäude betritt, landet zuerst in den Gemeinschaftsräumen des Hauses. Das Erdgeschoss beherbergt Küche, Cafeteria sowie Essraum, die allen offenstehen. Weitere freie Parterreflächen werden zu gleichen Teilen oder gemeinsam genutzt – als Lager oder fürs Meeting. Ebenfalls im Erdgeschoss ist das Headquarter von Danish Fashion and Textile angesiedelt. Ursprünglich bestand dieser Bürobereich aus einem sehr großen und zwei kleineren Räumen, so dass Ruhezonen für die 25 Angestellten geschaffen werden mussten. Maßgefertigte Arbeitskuben dienen als Raum-in-Raum-Lösung, die beim Sitzen visuell und akustisch abschirmt, beim Aufstehen aber sofort eine Sichtbeziehung zu den Kollegen erlaubt. Während das Interieur sich hier noch zwischen Grautönen, Holznuancen und gezielt gesetzten Farbakzenten bewegt, lässt das hohe Treppenhaus bereits den Prunk der Beletage vermuten.

Nordic Diamond
Eindrucksvolle 4,2 Meter sind die mit goldenen Leisten verzierten und vertäfelten Wände bei Kopenhagen Fur hoch, an den Decken prangt Stuck. Da die großzügigen und mit viel Weite inszenierten Räume der ersten Etage als Showroom, Verwaltung und Rezeption genutzt werden, liegen die charmanten Werkstätten mit 13 Nähmaschinen, Teeküche und einem Chemie-Raum darüber. Besonders über Straßenlevel ist das allem zugrunde liegende Thema Nordic Diamond zu spüren. „Wir haben es hier mit zwei Unternehmen zu tun, die beide starke Marken in Dänemark sind. Beide stehen für Handwerk, Qualität und einzigartige Produkte“, sagt Helle Flou. Es ist aber weder die Schwere des Steins, noch sein Prunk, aus dem sie ihre Inspiration gezogen hat. Ganz nordisch hat sie sich an der Natur und ihrer selbstverständlichen Schönheit orientiert, am Licht und der Brechung des geschliffenen Steins, an seiner Langlebigkeit. Das Innenleben der fast zweihundert Jahre alten Villa folgt deshalb zwei Grundsätzen, die sich nicht nur beim Diamanten, sondern auch immer wieder im dänischen Design finden: Strenge Ordnung und konsequente Transparenz.

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