Pariser Massanfertigung

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Text: Jana Herrmann
Foto: Atelier Daaa

Es war Liebe auf den ersten Blick, als das junge Pärchen in den Dreißigern ihr zukünftiges Zuhause zum ersten Mal besichtigte. Die insgesamt 74 Quadratmeter in einem Haussmann-Gebäude mitten im pulsierenden Pariser Stadtteil Barbès erfüllten alle Kriterien, die ihr erster gemeinsamer Immobilienkauf haben sollte - zumindest in der Theorie, in der Praxis schrie das Projekt nach Totalumbau und aufwendigen Renovierungsarbeiten.

Notwendiger Freundschaftsdienst
Bei der Umsetzung ihres Wohntraumes unterstützte sie ihr Architektenfreund Pierre Petit von dem jungen Architektenbüro Atelier Daaa, den diese Aufgabe jedoch vor eine ziemlich große Herausforderungen stellte: ,,Das Objekt war nicht nur total verwohnt, sondern vor allem war der ursprüngliche Grundriss eine einzige Katastrophe’’ erinnert er sich. ,,Man konnte nur über die Küche und das Badezimmer in die einzelnen Zimmer gelangen. Wir haben deshalb bis auf die tragenden Wände wirklich alles abgerissen und die gesamte Wohnfläche komplett neu strukturiert’’.

Problemlösungen und klare Vorgaben
Besonders unglücklich war hierbei jedoch der Umstand, dass auch die Wände mit den Gasleitungen diesem Radikalschnitt zum Opfer fielen. ,,Nach vielen Überlegungen, Diskussionen mit dem Stadtamt und aus Budgetgründen haben wir uns letztlich dazu entschlossen, die Gasheizung durch eine elektrische zu ersetzen’’, erklärt Petit die erste Hürde im Anfangsstadium des Projektes. Konkrete Ansagen gab es dagegen von den Auftraggebern bezüglich der neuen Aufteilung der Gesamtwohnfläche: Sie wollten ein großes Wohn- und zwei kleine Zimmer mit einer Trennwand aus Glas und Metall, viel Raumvolumen, Licht und fließende Übergänge zwischen den einzelnen Wohnbereichen. Zudem sollte die Einrichtung auch dem persönlichen Stil des in der Modebranche tätigen Pärchens entsprechen. So minimalistisch wie möglich sollte sie werden, aber dennoch eine Prise Behaglichkeit und subtile Farb- und Materialspiele enthalten.

Neuer Glanz und ein starkes Rückgrat
Um diese Wünsche zu erfüllen, widmete sich Architekt Pierre Petit zunächst der Aufgabe, den haussmannschen Elementen der Wohnung wieder Glanz zu verleihen: Das Eichenholzparkett wurde aufgearbeitet, die Kamine aus schwarzem Marmor gesäubert und die goldenen Spiegel, deren Rahmen wie massakriert aussahen, bekamen einen sauberen Anstrich. Als nächstes konstruierte er einen Flur, der der Wohnung als neues Rückgrat dient und von dem aus auf der einen Seite zwei kleine, nicht einmal 10 Quadratmeter umfassende Zimmer sowie das Bad und auf der anderen Seite ein mit 35 Quadratmetern großzügig angelegter Wohnbereich mit integrierter Küche abzweigen.

Kontemporäre Stilelemente
Besonders der Eingangs- und Wohnbereich geben dabei einen repräsentativen Einblick in das architektonische Universum von Pierre Petit, von dem er sich auch bei der Gestaltung des Appartements seiner Freunde inspirieren ließ: Haussmannschen Charme mischt er mit skandinavischen Elementen sowie ein wenig Industriecharakter, und die verwendete Farbpalette beschränkt er auf helles Holz und die Farben Weiß, Grau und Schwarz. In Absprache mit den Neueigentümern setzte er ferner bauliche Rohstoffe in Szene. So konfrontierte er beispielsweise im Eingangsbereich das in Glas eingesetzte Metallgitter mit einfach lackiertem Birkenholz und mit gewachstem Betonboden, den er auch im Badezimmer der Wohnung verwendete. Den drei Zimmern dagegen verlieh er durch das aufgearbeitete Eichenparkett eine viel gemütlichere Note. Auch farblich variierte er die unterschiedlichen Wohnatmosphären, indem er die Einrichtungsgegenstände den jeweilig verwendeten Materialien anpasste: Während die Möbel im Flurbereich ausschließlich in Weiß und in holzfarben gehalten sind, sorgen im Wohnbereich eine zitronengelbe Sitzbank und eine große Grünpflanze für farblichen Peps. Generell beherrscht jedoch in allen Räumen der Minimalismus den Gesamtcharakter. Im Essbereich stehen ein einfacher Tisch und eine Bank aus geöltem Eichenholz, das Badezimmer wurde ganz pragmatisch auf lediglich vier Quadratmeter begrenzt. Seinen Höhepunkt erlangt der Minimalismus allerdings im Schlafzimmer des Paares, das lediglich aus einem Bett, einer Lampe und einem Einbauschrank besteht.

Hier, heute und morgen
Insgesamt gefällt das Projekt durch seine durchdachte Ästhetik und symbolisiert in nahezu perfekter Weise den kontemporären Pariser Chic. Bemerkenswert ist zudem, wie Pierre Petit in nur drei Monaten und trotz der sehr aufwendigen Umbauarbeiten ein Projekt realisierte, das nicht nur dem trendigen Hier entspricht, sondern durchaus auch für die Zukunft gewappnet ist: Denn sollte das junge Paar eines Tages Nachwuchs bekommen, könnte das heutige Büro problemlos in ein Kinderzimmer umfunktioniert werden.

 

 

 

 

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